"Winnetou V" in München

n.f.
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"Winnetou V" in München

Beitrag von n.f. »

In München gelangt in Kürze die "theatrale Karl-May-Expedition 'Winnetou V'" zur Aufführung. Weitere Informationen in den Online-News von KARL MAY & Co.
BernhardT
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Re: "Winnetou V" in München

Beitrag von BernhardT »

Winnetou V - Eine Karl-May-Expedition
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Da ich in der Nähe von München arbeite, war es für mich Pflicht diese Inszenierung anzusehen. Möglichst unvoreingenommen und mit möglichst wenigen Erwartungen besuchte ich die zweite Vorstellung am 30.01.2008 und hoffte Antworten auf meine Fragen zu bekommen, die ich als Theaterfreak hatte.

Vor und nach der Aufführung hatte ich Gelegenheit, ein paar Worte mit dem Regisseur Stefan Frey zu wechseln. Meine Frage, wie ich das, was ich mir anschauen würde, interpretieren könnte oder verstehen sollte, konnte oder wollte er nicht so ohne weiteres beantworten.

Nach der Aufführung war ich auch nicht wesentlich klüger, darum verbuche ich für mich die Inszenierung unter der Rubrik "Experimentelles Theater".

Das Werbeplakat, das auch die Eintrittskarte darstellt, ist ansprechend gestaltet.
Die Landkarte aus der Bamberger Ausgabe von Winnetou I macht neugierig.
Abgedruckt sind u. a. die Noten und eine Strophe des Ave Marias von Karl May.

Weiterhin findet sich ein humorvoll gestaltetes "Kleines Karl May Alphabet".
Darin steht unter "K wie Knast" der Hinweis, dass Karl May gute acht Jahre im Gefängnis verbracht hatte und der Satz: "Viele gute Bücher werden im Gefängnis geschrieben." Auch wenn nicht explizit die falsche Legende behauptet wird, dass Karl May seine Bücher im Gefängnis geschrieben hätte, so zeigt es doch
dass diese Legende nicht "tot zu kriegen" ist.

Weiter unten lese ich amüsiert: "Y wie Yuma. Obwohl nie dagewesen, konnte Karl den gesammten Postkutschenfahrplan auswendig aufsagen und hätte damit bei >>Wetten, dass<< garantiert die Saalwette gewonnen." Also nehme ich den "Gefängnisschriftsteller" auch nicht ernst und verzeihe ihn.

Immer noch machen sich eine Reihe von Fragen in meinem Kopf breit. Das folgende ist ein Versuch meine Gedanken und das Gesehene in eine Struktur zu bringen.

1)
Was darf man also erwarten, wenn der Studiengang Dramaturgie / Theaterwissenschaft eine theatrale Karl-May-Expedition als Bühnenpraktikum inszeniert?

Antwort: Mit Sicherheit kein Theater wie in "Bad Segeberg",
dafür mit Sicherheit ein theatrales Experiment, dessen Hauptzweck es ist,
die dramaturgischen Fähigkeiten des Regisseur und der Darsteller auszureizen.
Dieser Zweck wurde nach meinen Gesichtspunkten erreicht.

2)
Somit stellt sich die nächste Frage: Wie gut oder schlecht wird dabei
"Karl May" wegkommen?

Ein wichtiger positiver Aspekt war, dass es (so weit ich es zumindest beurteilen kann) fast ausschließlich echten Karl May zu hören gab, also ein Feuerwerk von Karl-May-Zitaten, die dem jeweiligen Roman zuzuordnen nicht immer einfach war. Das war die Herausforderung an den Karl-May-Kenner.

3)
Nächste Frage: Was gab es zu sehen?

"Rote" und "Weiße", die sehr einfach anhand der Kleidungsfarbe identifiziert werden konnten. Ein paar obligatorische Indianerfedern als Kopfschmuck gab es gelegentlich zum Outfit hinzu.

4)
Was wurde als Bühnenraum genutzt?

Der Flur, das Foyer mit den Schließfächern, ein alter leergeräumter Bibliothekssaal und ein Seminarraum. Diese Räume wurden abwechselnd genutzt, d.h. das Publikum wanderte bei Szenenwechsel von einem Raum in den nächsten, teils wurde der gleiche Ort aus unterschiedlichen Perspektiven genutzt.
Die Zuschauer waren immer wieder mitten im Geschehen und liefen Gefahr pantomimisch erschossen zu werden.

5)
Wer schaute sich so was an?

Ein Großteil der ca. 20-30 Personen kam aus dem Umfeld des Studiengangs, Mitstudenten oder Bekannte von den Akteuren. Außerdem fanden sich einige Paare, sowie eine Gruppe von mehreren älteren Damen ein. Schließlich gab es noch die Einzelgänger, die vermutlich entweder Theaterfreaks, Karl-May-Fans oder von der Presse waren.

6)
Welchen Inhalt hatte Winnetou V? Was war die Handlung?

Die "Fünf" deutete ich zunächst als Hinweis auf etwas neues, z.B. eine weitergehende Handlung oder auf eine weiterführende Interpretation. Hier hatte ich meine wenigen Erwartungen möglicherweise doch zu hoch angesetzt.

Nicht neu waren die Figuren: Sie stammten aus Winnetou 1-3 und aus dem Silbersee:
Neben Winnetou und Old Shatterhand traten u. a. auf:
Humply Bill
Gunstick Uncle
Sam Hawkens
Nscho Tschi
Tangua
Lord Castlepool

Der Kiowa "Metan Akva" wurde vermutlich Schreibfehler bedingt zu "Metan-akua",
was mich irgendwie an ein "Feuerwasser" der besonderen Art erinnerte:
Methanol ist schließlich tödlich. Dies schien aber nicht beabsichtigt gewesen zu sein,
so wie ich die Reaktion des Regisseurs auf meine Frage hin interpretiere.

Nicht neu waren die Texte: Das, was ich erkannte, stammte aus den Büchern Winnetou, Silbersee und Old Surehand.

Nicht neu waren die elementaren Bausteine der Handlung, die als markante Szenen aus den Büchern bekannt sind:

Neu war, wie es umgesetzt und gespielt wurde.

Neu war, wie die stereotypen Szenen und die Dialoge Karl Mays fast beliebig zusammengesetzt wurden.


Hier nun eine Auflistung der Ereignisse, die mir in Erinnerung geblieben sind:

Im Flur hört man zu Beginn von Band das Zitat des roten Mannes, der im Sterben liegt, und den Vergleich des roten Mannes mit dem Türken und ein paar weitere Ausführungen. Der Text läuft in einer Dauerschleife.
Das Greenhorn Old Shatterhand rüstet sich zum Aufbruch in den wilden Westen und brüstet sich als erfolgreicher Schützenkönig.
Umzug in den Seminarraum.
Es folgt ein Indianer-Tanz um das Feuer.
In der Mitte steht eine Tonne.
Da stehen sich Rot und Weiß plakativ als Feinde gegenüber.
Am Boden liegt ein Meter Eisenbahnschiene.
Da schießt Gunstick Uncle vom Himmel eine Tüte Chicken Wings von Burger King, die dann an einer Schnur hängend herunterfällt und in Mundhöhe über dem Boden hängen bleibt. Darauf dichtet der Schütze seinen bekanntesten Vers "Getroffen ward der Geier", während die andern genüsslich die Chicken Wings verspeisen.
Da zitiert z.B. Humbly Bill die Schimpfkanonade auf Old Shatterhand, als er erfährt, dass dieser als Schriftsteller alle Erlebnisse zu Papier bringen will. Diese Verbalattacke stammt ursprünglich aus dem Mund von Sam Hawkens.
Irgendwann gibt es eine Rast am Lagerfeuer mit dem Schuss aus Kniehöhe auf die Augen im Dunkeln. Der Getroffene auf der Brüstung verliert den Halt, hängt kopfüber an der Brüstung. Theaterblut tropft herunter.
Es folgen Zitate aus Old Wabbles Sterbeszene.
Irgendwann höre ich Worte von oder über Old Death, Sans-Ear und Klekih Petra.
Im ehemaligen Bibliothekssaal passiert ein Indianerüberfall.
Die Roten klettern die fast leeren Bücherregale hoch.
Oben auf der Galerie wird gekämpft.
Da wird Huckepack den Flur entlang geritten.
Dazu klappert man wie bei Monty Pythons "Rittern" den Pferdegalopp mittels Kokosnussschalen.
Zwischendurch bekommt ein Passant unfreiwillig seinen Auftritt, weil er seine deponierten Sachen aus dem Schließfach holt.
Winnetou kämpft mit dem Bären und erlegt ihn.
Nscho Tschi stirb spontan.
Old Shatterhand ist wunderbar gerührt.
Auch hier gelingt dem Darsteller das übertriebene Pathos.
Nun geht es auf zum Nugget Tsil.
Nscho Tschi liegt immer noch tot am Boden
Wir sollen zum nächsten Spielort weiterziehen.
Ich überlege mir, ob ich versuchen soll, Nscho Tschi durch Mund zu Mund Beatmung wiederzubeleben.
Sie ist hübsch, so tot wie sie am Boden liegt. Ich bin froh, dass ich mich mich nicht traue, weil ich Mitleid mit der Darstellerin habe und weil die älteren Damen nicht durch einen Lüstling brüskiert werden sollen.
Vielleicht sollte ich mir vorstellen, dass es Marie Versini ist.
Ich trau mich immer noch nicht. Ich bin trotzdem überzeugt, dass mein Wiederbelebungsversuch Erfolg gehabt hätte, weil Nscho Tschi sicherlich sofort die Flucht ergriffen hätte.
Es folgt die Gefangennahme der Helden auf einer Plattform über den Schließfächern.
Lord Castlepool taucht auf. Die Darstellerin überzeugt in Ihrer Rolle.
Da wird Lord Castlepool zusammen mit der Aleppobeule zitiert.
Dialoge mit viel Imponiergehabe schallen durch den Flur.
Da gibt es die bekannten Kampfszenen, u.a. den Wettlauf des Hobble-Frank "Intsch ovomb", also "nach jener Fichte",
und ein Kampf mit Metan-akua.
Ich kann leider nicht erkennen, ob Old Shatterhand oder der Indianer den pantomisch dargestellten Steinbrocken weiter werfen kann.
Schließlich stirbt direkt neben mir der Rote und liegt mir zu Füßen. Schade um ihn. Er war ein fähiger Schauspieler.
Da gibt es das Duellschießen, bei dem Old Shatterhand beide Knie von Tangua zerschmettert.
Immer wieder wird Brinkley, der rote Cornel beschworen, der aber nie auftaucht.
Im Bibliothekssaal liegt Helldorf Settlement.
Die Glocken ertönen vom Band.
Da hört man gelegentlich die U-Bahn rumpeln, die unter der Ludwigstraße vor dem Uni-Gebäude entlang läuft.
Im Settlement geben sich Deutsche begeistert zu erkennen. Alle gehen die Treppe hoch auf die Galerie über den Bücherregalen und trinken freudig ein Bier, nachdem sie miteinander angestoßen haben.
Karl Mays Ave Maria wird einstimmig gesummt.
Winnetou ahnt seinen Tod kommen.
Zurück im Seminarraum.
Winnetou Superstar steht auf dem Podium (oder ist es ein Scheiterhaufen oder ist es das Schaffott?) mit der E-Gitarre in der Hand.
Vermutlich will er mit der Gitarre ein Lied aus einem mir nicht bekannten Musical von Andrew Lloyd Weber spielen.
Wie ich nach Ende der Vorstellung erfuhr, hätte die E-Gitarre funktionieren sollen.
Stattdessen improvisiert der Darsteller einen entsprechenden Gesang. Ich hatte nichts von seiner Not bemerkt.
Ein Schuß fällt. Winnetou stirbt.
Zu Winnetous Tod wird Karl Mays Ave Maria mehrstimmig gesungen. Gelungen.
An der schwarzen Wand steht in riesigen Buchstaben "Winnetou" geschrieben.
Old Shatterhand tritt an die Wand und schreibt "ist ein Christ" mit Kreide dazu.
Das Licht geht aus. Das Stück ist aus. Ich weiß nicht, was ich vom Theaterstück halten soll.

Ein Großteil der Schauspieler agierte auf einem sehr, sehr gutem Niveau.
Sprache, Lautstärke, Betonung, beabsichtigtes Pathos, Spieltechnik, Bewegung, alles passte.
Die schauspielerische Leistung war in Ordnung.
Die Zitate waren gut ausgewählt.
Die Austauschbarkeit der Stereotypen war erkennbar.
Die Schauspieler hatten sichtlich viel Spaß beim Einstudieren und beim Spielen und waren mit Engagement bei der Sache.
Trotzdem bleibt eine große Leere in mir.
Nicht einmal die Roten hatten einen roten Faden.
Ich frage mich immer noch, was die Inszenierung bewirken soll.
Oder - ist eine gezielte Wirkung beim Zuschauer gar nicht beabsichtigt?
Es war auch keine Pseudo-Wichtigtuerei in der Inszenierung erkennbar.
Das ganze war "nett", aber ohne erkennbares Ziel.

Von Stefan Frey erfahre ich, dass vermutlich keiner der Akteure je ein Karl-May-Buch gelesen hatte. Ich frage mich, ob dieses Theaterexperiment geeignet war, den Akteuren ein wenig einen seriösen Eindruck von Karl May zu vermitteln.
Eine der älteren Damen fühlte sich irgendwann an die Walpurgisnachtszene der Hexen in Faust auf dem Brocken erinnert. Ich denke mir, dass die Dame sich gerne daran erinnert fühlen darf, wenn es ihr gut tut und weiterhilft. Mir hilft es nicht weiter.

Karl May hätte vielleicht diese verrückte Inszenierung quer durch seine Werke imponiert. Der Gedanke gefällt mir. Schließlich ließ Karl May zu, dass der Kantor emeritus eine Opernarie für Winnetou komponieren wollte. Demnach könnte es sein, dass wenigstens Karl May zufrieden gewesen wäre.

Inzwischen ist bereits eine Woche seit der Aufführung vergangen. Ich bereue nicht, dort gewesen zu sein. Nur weiß ich immer noch nicht, was ich als Zuschauer von diesem Theaterabend halten soll.
Angel
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Re: "Winnetou V" in München

Beitrag von Angel »

BernhardT hat geschrieben:Winnetou V - Eine Karl-May-Expedition
Ein sehr aufschlussreich, geschilderter Bericht, man kann sich trotz allem Für und Wieder, Hin und Her, als nicht Anwesender in die Aufführung hineinversetzen.
Vielen Dank für Deine Bemühungen alles detailgetreu wiederzugeben ...
"Magnificent" ...
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