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Re: "Fragen Sie Reich-Ranicki"
Verfasst: 20. Dez 2007, 19:21
von Rüdiger
Rolf Dernen hat geschrieben:
daß er sich in Gegebenheiten, die nichts mit seiner persönlichen Biographie zu tun haben, einfühlt und diese authentisch (oder wenigstens interessant) rüberbringt.
Die Indianer, Beduinen usw. wirken auch immer recht deutsch bei Karl May, wenn man’s recht bedenkt … Aber auch das hat mich noch nie gestört. Bleibe auch lieber im Lande („Nach Bangkok kriegen mich keine zehn Pferde“) …
;-)
Re: "Fragen Sie Reich-Ranicki"
Verfasst: 20. Dez 2007, 19:45
von Sylvia
Vielleicht liegts ja daran (dass May bei der Mili-jeubeschreibung nicht punktet) weil er gar kein Mili-jeu-schreiber sein wollte. Er wollte sich wegträumen und Held sein. Um das Ganze zu verpacken hat er in Atlanten und Lexiken recherchiert und die Abenteuer in interessante Länder verfrachtet.
Re: "Fragen Sie Reich-Ranicki"
Verfasst: 20. Dez 2007, 19:48
von Rüdiger
Genau so. M.E.
Re: "Fragen Sie Reich-Ranicki"
Verfasst: 20. Dez 2007, 19:53
von Rüdiger
@Wolfgang / Thomas Mann
Thomas Mann ist genial. „Als Mensch“ könnt’ ich ihm links und rechts … (nicht dass der Preller wieder falsche Schlussfolgerungen zieht. Sie haben mich die ganze Schulzeit über gnadenlos verdroschen, ist nicht von wegen Körperkraft).
Die Herrschaften Tonio Kröger und Gustav von Aschenbach (die anderen kenne ich nicht so gut, deshalb haue ich immer mit denen auf den Putz) mögen recht anstrengend sein, von ihrem Hirn & Wesen her, aber „geisteskrank“ ist denn doch daneben … Oder der arme (kleine) Herr Friedemann … (auch so eine Judith-Silberstein-Geschichte übrigens, da könnense hinguckenwosewollen) da ging’s mir ja richtig schlecht, als ich das zuende gelesen hatte … Neenee, das ist schon ein ganz Großer, der Mann, da hilft alles nichts …
(Komm’ wir ziehen alle um ins Klassiker-Forum. Aber Obacht, die legen da Wert auf Anrede und Grußformel. Und wenn sie einen noch nicht so kennen und man einen Smiley setzt den sie nicht verstehen löschen sie den Beitrag weg und vergraulen einen. Wir bleiben doch besser hier.)
Aber „spartenübergreifend“ mal zu anderen Autoren rübergucken, das ist schon interessant … Mir fielen just beim „Idioten“ von Dostojewski gleich zwei May-Bezüge auf, zum einen der Krikelanton, da hat May in EINER Figur Dinge wie rührende Naivität, Unschuld, Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit auf der einen Seite und (später in Wien, in den GW nicht enthalten) schamfreie Sinnlichkeit, „Verderbtheit“, moralische Maßlosigkeit auf der anderen Seite dargestellt. Bei Dostojewski ist das fein säuberlich aufgeteilt auf Myschkin und Rogoschin. – Oder unsere Judith Silberstein, da gibt’s Stellen in Zusammenhang mit Nastassja Filipowna, da hab’ ich gedacht mir verschlägt’s die Sprache … na klar, die Judith hat nicht das Format der anderen, ist geistig etwas „gesünder“ (will eigentlich sagen oberflächlicher …) und dass sie dem anderen sagt er sei der einzige der sie jemals verstanden habe (und ihn trotzdem kaltlächelnd stehenläßt) das bringt sie wohl auch nicht, sie wird sich lieber mit schönen Kleidern, [mexikanischem] Kaffee und dem Inhalt von Satteltaschen beschäftigen (Kreditkarten gab es damals meines Wissens noch nicht) … aber Parallelen gibt es, ohne Frage. Schon interessant, Literatur. Well.
Re: "Fragen Sie Reich-Ranicki"
Verfasst: 20. Dez 2007, 20:37
von Hermesmeier
Man mag das ja meinethalben anders sehen, aber "Der kleine Herr Friedemann" ist ja nun das Musterbeispiel für das, was ich meinte. Als der sich umdreht, um sich im 10 cm tiefen Wasser zu ersäufen, hab ich erleichtert aufgeatmet. Da hatte nun dieses Elend Gottseidank ein Ende, sowohl die Erzählung, als auch die lebensuntüchtige, sauertöpfische, kein Mitleid verdienende traurige Charikatur eines sogenannten menschlichen Wesens.
Re: "Fragen Sie Reich-Ranicki"
Verfasst: 20. Dez 2007, 21:09
von Rüdiger
Ohje ... das ist ja wie am Schluß von "Die Verwandlung" und "Ein Hungerkünstler" ... nur daß der Kafka vermutlich nicht so wirklich begeistert war von all der Lebenstüchtigkeit ...
(Grusel ...)
Re: "Fragen Sie Reich-Ranicki"
Verfasst: 20. Dez 2007, 21:15
von Sylvia
May macht es uns und sich einfacher. Die Typen sind, wie Wolfgang belieben zu sagen pflegt, schwar und weiß, auch rot und braun, grün und gelb, um das dann doch noch ein wenig bunter zu machen. Und nennt er sich nicht selber einen Märchenerzähler? Milijö-Studien, pah, gibt es in einem Märchen etwa Milieustudien? Wozu? Dafür ist mehr Raum für die eigene Fantasie, und das ist wieder das Schöne daran.
Re: "Fragen Sie Reich-Ranicki"
Verfasst: 21. Dez 2007, 10:40
von Rüdiger
Außer Reich-Ranicki haben sich ja bekanntlich (gottlob, hätte ich fast gesagt, aber ich will ihm gar nichts. Werden wir friedlicher.) auch noch diverse andere kluge Köpfe mit Literatur beschäftigt, auch in der m.E. gelegentlich besonders interessanten Weise der Gesamtbetrachtung aus der Vogelperspektive, ich denke da z.B. an so Bücher wie „Genius“ von Harold Bloom (Betrachtungen über hundert bedeutende Autoren) oder „Kulturgeschichte der Neuzeit“ von Egon Friedell. Hach, das Leben kann so interessant sein, wenn man da so blättert und stöbert … Jedenfalls erschien mir heute bei Bloom- und Friedell-Lektüre die schöne Kraussche Sandhofer-Signatur („Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen?“) in einer ganz neuen Bedeutung, vielleicht habe ich sie auch heute morgen erst wirklich richtig verstanden …
;-)
Re: "Fragen Sie Reich-Ranicki"
Verfasst: 21. Dez 2007, 11:16
von Barbara
Rüdiger hat geschrieben:Karl May hat in "Old Surehand" Folgendes geschrieben
Soll ein Buch seinen Zweck erreichen, so muss es eine Seele haben, nämlich die Seele des Verfassers. Ist es bei zugeknöpftem Rock geschrieben, so mag ich es nicht lesen.
Und das stammt nicht von May, sondern er kupfert hier von Schiller ab (siehe Bürger-Rezension) "Alles was uns der Dichter geben kann, ist seine Individualität".
Große Ausnahme zu Thomas Mann ist "Schwere Stunde", die eine berührende psychologische Studie darstellt. Sonst nervt mich Mann mit der endlosen Präsentation seines angelesenen Wissens (siehe z.B. Dr. Faustus) - aber sehen wir nicht auch da Parallelen zu unserem May? Der verliert allerdings seine spannende Handlung nicht ganz aus dem Blick.
Re: "Fragen Sie Reich-Ranicki"
Verfasst: 21. Dez 2007, 11:32
von Rüdiger
er kupfert hier von Schiller ab
So ein Quark (Verzeihung.)
Wenn man so will, ist ALLES schon einmal gedacht, empfunden, geäußert und beschrieben worden. So gesehen würden ja alle immer voneinander abkupfern ...
Re: "Fragen Sie Reich-Ranicki"
Verfasst: 21. Dez 2007, 11:42
von giesbert
Never know whose thoughts you’re chewing.
Leopold Bloom
Re: "Fragen Sie Reich-Ranicki"
Verfasst: 21. Dez 2007, 12:30
von Sylvia
:-)) ja, nett, aber manches kann durchaus aus dem eigenen tiefen Herzen kommen. Und wenn der Boden nicht fruchtbar ist, dann hilft es auch nichts wenn fremde thoughts drauf fallen.