Zum Tod von Hans Wollschläger

Rolf Dernen
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Zum Tod von Hans Wollschläger

Beitrag von Rolf Dernen »

Giesbert Damaschke hat die Meldung über den Tod eines der bedeutendsten Karl-May-Forscher leider unter "Sonstiges" versteckt, wo sie eher unter geht. Und das hat er nicht verdient, der Mann, durch dessen Karl-May-Monographie (1965) so viele Leute begannen, unseren Autor in einem anderen Licht zu sehen bzw. sich überhaupt ernsthaft mit ihm zu beschäftigen. Wenn Arno Schmidt zur modernen Karl-May-Forschung die ersten Wege gewiesen hat, so war es Wollschläger, der diese Richtung konsequent weiter verfolgte und im Rahmen der Karl-May-Gesellschaft immer wieder interessante und sprachlich ausgefeilte Beiträge veröffentlicht hat.
Beim KMG-Kongreß in Essen hatte ich das Glück, diesen Mann zum ersten und leider auch zum letzten Mal zu sehen und - was vielleicht noch wichtiger ist - zu hören. Selten habe ich eine Lesung erlebt, die mich so gefangen genommen hat. Dabei las Wollschläger nur aus Mays frühen Texten für die Zeitschrift "Schacht und Hütte", informativ-belehrende Texte, die der Bildung der "einfachen Leute" dienen sollten. Eigentlich völlig dröge Abhandlungen über das Gewicht der Erde, der Entfernung zum Mond, Aneinanderreihung von Fakten halt, ein bißchen unterfüttert mit christlicher Moral. Aber wie Wollschläger das vorlas - es war einfach großartig. Ohne daß er im geringsten Maße persiflierte, irgendwelche Sperenzchen machte, überironisierte oder in sonst eine Comedy-Trickkiste griff, habe ich streckenweise herzlich lachen müssen. Ich weiß bis heute nicht, wie Wollschläger das angestellt hat. Und wenn ich von einem Vortrag gefangen genommen werde und die Technik nicht durchschaue, dann gestatte ich mir zu sagen: das ist große Kunst!
Alleine für dieses Erlebnis bin ich Wollschläger zu großem Dank verpflichtet.

Rolf Dernen
Rüdiger

Beitrag von Rüdiger »

Ohne daß er im geringsten Maße persiflierte, irgendwelche Sperenzchen machte, überironisierte oder in sonst eine Comedy-Trickkiste griff, habe ich streckenweise herzlich lachen müssen. Ich weiß bis heute nicht, wie Wollschläger das angestellt hat.
Er hat das Gelesene schon manchmal in ironischer Weise kommentiert, durch die Art seines Vortrags, und das so dezent, dass man sagen könnte „er hat doch gar nichts gemacht“. Ganz feine Nuancen, in Haltung, Augenausdruck, Stimmlage, Art des Sprechens … Er konnte es halt. Ich vermisse ihn wirklich.

Ich habe ihn dreimal gesehen, in Bamberg und Plauen 2003, und in Essen 2005 (und einmal im Fernsehen beim ARTE-Themenabend). Wie er in Bamberg auf dem Podium saß, sehe ich auch noch vorm inneren Auge und werde es nicht vergessen. In Plauen saß er auch manchmal ein wenig in der Art da, da oben neben den anderen … Ich hatte immer ein bisschen das Gefühl, er war sich hier wie dort der Tatsache, eigentlich ein Fremder, ein Fremdkörper zu sein, irgendwie nicht so recht hineinzupassen ins vorhandene Umfeld, völlig bewusst, und hat, bei sich, gedacht „Da muß ich durch …“ Ein bisschen wie ein genial-idealistischer Schulreformator auf der Abiturfeier, dessen einer Teil seines Wesens sich fragt, was mache ich eigentlich hier, und der andere sich sagt „aber es geht ja um mein Herzensanliegen“ …

;-)
Duke
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Beitrag von Duke »

Ich kann mich da nur anschließen in Sachen Essen. Und was die Bücher angeht: Allein schon die einleitenden Zeilen der Monographie oder von "In fernen Zonen" sind so genial formuliert, dass ich immer furchtbar neidisch werde. Und mich mehr als einmal ertappt habe, diese Art des Schreibens bei längeren Texten zu kopieren zu suchen... auf einer ganz bescheidenen Ebene natürlich!

Lest we forget

Michael Kunz
Rolf Dernen
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Beitrag von Rolf Dernen »

Rüdiger hat geschrieben:
Er hat das Gelesene schon manchmal in ironischer Weise kommentiert, durch die Art seines Vortrags, und das so dezent, dass man sagen könnte „er hat doch gar nichts gemacht“. Ganz feine Nuancen, in Haltung, Augenausdruck, Stimmlage, Art des Sprechens … Er konnte es halt. Ich vermisse ihn wirklich.
Eben. Er konnte es. Sicherlich hat er es in der von Dir beschriebenen Art und Weise gemacht. Aber ich habe es halt nicht gemerkt. Und das eben isses!
Rüdiger

Beitrag von Rüdiger »

Bei den Komikern von Freilichtbühnen hat man ja manchmal den Eindruck, die lachen schon über sich selber bzw. kommen zumindest mit gleichsam dick aufgetragenem Augenzwinkern daher, vielleicht auch um dem Publikum ein wenig zu helfen, in etwa nach dem Motto „Achtung jetzt wird es komisch“ … (wie sagte Karl Valentin, Kunst kommt von Können, käme es von Wollen müsste es Wunst heißen)

Wenn etwas „gemacht“ ist, ist es immer schlecht.

Ich glaube auch gar nicht mal dass Wollschläger, was Einzelheiten betrifft, sich vorher genau ausgedacht hat ich mache das jetzt so und so; die Grundbefindlichkeit stimmte, er hat einerseits den Text völlig ernstgenommen und ganz ernst vorgetragen und gleichzeitig durch die Art seines Vortrags sozusagen eine zweite Ebene mit bedient, die der ironisch-kritischen Distanz. Wie man das „technisch“ genau macht, kann ich auch nicht erklären, das hat man halt, oder man hat es nicht. Er hatte es in hohem Maße.

Noch’n Versuch: so wie Chris de Burgh (manchmal) singt, so hat Wollschläger gesprochen. (Karl May: „Er hat es innerlich“). Da kommt dann was rüber, und das beeindruckt auch Uwe Seeler (so gesehen mit de Burgh seinerzeit im Sportstudio)

;-)
Helmut
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Beitrag von Helmut »

Ich habe ihn ja - Gott sei dank - noch dieses Jahr (vor 2 1/2 Monaten) hier in Nürnberg erleben dürfen.
Heine hat er da vorgetragen.
Erst habe ich ihn vorher im Lteraturcafe sitzen sehen - bei den unvermeidlichen "älteren Damen" - freundlich sah er da aus, aber (wie ich meine) doch irgendwie distanziert.
Und dann - im Saal - ging er dann so langsam auf die Bühne, stellte die abgewetzte alte Ledertasche unter den Tisch, holte das Manuskript heraus und -- war dann plötzlich (für mich jedenfalls) Heinrich Heine.

Helmut
Sylvia
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"Rückerts ist der Orient, Rückerts ist der Okzident&quo

Beitrag von Sylvia »

Und ich habe Hans Wollschlägers Stimme erst über die o. genannte CD kennengelernt, auf der er eine Vorlesung hält über persische und arabische Dichtung, die von Friedrich Rückert übersetzt wurde.
Wenn ich die Chidher-Ballade lese, höre ich sie jetzt quasi mit Wollschlägers Stimme:

Chidher

Chidher, der ewig junge, sprach:
Ich fuhr an einer Stadt vorbei,
Ein Mann im Garten Früchte brach;
Ich fragte, seit wann die Stadt hier sei?
Er sprach, und pflückte die Früchte fort:
Die Stadt steht ewig an diesem Ort,
Und wird so stehen ewig fort.

Und aber nach fünfhundert Jahren
Kam ich desselbigen Wegs gefahren.

Da fand ich keine Spur der Stadt;
Ein einsamer Schäfer blies die Schalmei,
Die Herde weidete Laub und Blatt;
Ich fragte: wie lang ist die Stadt vorbei?
Er sprach, und blies auf dem Rohre fort:
Das eine wächst, wenn das andre dorrt;
Das ist mein ewiger Weideort.

Und aber nach fünfhundert Jahren
Kam ich desselbigen Wegs gefahren.

Da fand ich ein Meer, das Wellen schlug,
Ein Schiffer warf die Netze frei,
Und als er ruhte vom schweren Zug,
Fragt ich, seit wann das Meer hier sei?
Er sprach, und lachte meinem Wort:
Solang als schäumen die Wellen dort,
Fischt man und fischt man in diesem Port.

Und aber nach fünfhundert Jahren
Kam ich desselbigen Wegs gefahren.

Da fand ich einen waldigen Raum,
Und einen Mann in der Siedelei,
Er fällte mit der Axt den Baum;
Ich fragte, wie alt der Wald hier sei?
Er sprach: der Wald ist ein ewiger Hort;
Schon ewig wohn ich an diesem Ort,
Und ewig wachsen die Bäum hier fort.

Und aber nach fünfhundert Jahren
Kam ich desselbigen Wegs gefahren.

Da fand ich eine Stadt, und laut
Erschallte der Markt vom Volksgeschrei.
Ich fragte: seit wann ist die Stadt erbaut?
Wohin ist Wald und Meer und Schalmei?
Sie schrien, und hörten nicht mein Wort:
So ging es ewig an diesem Ort,
Und wird so gehen ewig fort.

Und aber nach fünfhundert Jahren
Will ich desselbigen Weges fahren.
Schneffke
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Registriert: 12. Jan 2007, 16:01

Beitrag von Schneffke »

Daß sich Wollschläger um Karl May verdient gemacht hat, war mir völlig neu.

Ich habe Wollschläger vor kurzem erlebt, als er Heine vorlas und es war eine solch grottenschlechte Interpretation, daß ich 1. richtig froh war, daß es zwischendurch Schumann zu hören gab, der mir eigentlich nicht liegt und 2. nach der ersten Viertelstunde mir die Ohren zugehalten habe, weil der Gute von Heines Witz und Verstand offensichtlich nicht den Hauch einer Ahnung hatte. Er hat ihn vorgelesen, als wenn es um irgendeinen sterbenslangweiligen Romantiker ginge. Das muß man bei Heine erstmal zu Stande bringen!

Also Hut ab für den May-Fan, aber den Schleier des Vergessens über den Heine-Interpreten.
Rüdiger

Beitrag von Rüdiger »

Sie werden Wollschlägers Interpretation nicht verstanden haben ...
Das muß man bei Heine erstmal zu Stande bringen!
Ohne die Lesung zu kennen: da haben Sie unbesehen (bzw. -behört) Recht ...
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