FAZ: Man muß zugeben: ein erstaunlicher Erzähler

Sylvia
Beiträge: 231
Registriert: 29. Dez 2005, 10:43

Außenseiter

Beitrag von Sylvia »

Hallo Rüwi

Als einsamen Wolf würde ich KM als Ich-Erzhäler nicht bezeichnen, stand er doch als Held vom Dienst, ob erkannt oder unerkannt immer im Mittelpunkt.
Und Welt- und Menschenverachtung? Kann man das, wenn man immer bestrebt ist, andere zu retten?
Hm. Ja.

Na gut.

Sylvia
Rüdiger

Beitrag von Rüdiger »

Hallo Sylvi,

mal wieder: etwas genauer hingucken. Ich sprach von Autoren und Büchern, und mit den einsamen Wölfen waren eher die Autoren gemeint.

Natürlich gibt sich Karl May in seinen Büchern alles andere als welt- oder menschenverachtend. Und es gibt durchaus intelligente Leute, von Segeberg bis Günzburg, die glauben ihm anscheinend sogar alles, was er da so von sich gibt. Aber ich habe zwischen den Zeilen und immer wieder durchaus einen anderen Eindruck gewonnen.

Beste Grüße

Rüwi
Sylvia
Beiträge: 231
Registriert: 29. Dez 2005, 10:43

Beitrag von Sylvia »

Ab sofort nehme ich wieder meinen alten Kriegsnamen an. Ihr habt anscheinend Probleme mit meinem richtigen Namen.

Waukel
Rüdiger

Beitrag von Rüdiger »

Ich habe keine Probleme, zumindest nicht mit Deinem richtigen Namen, heiße aber auch nicht Rüwi.

;-)

Der erste Satz könnte von mir sein. In meiner Bearbeitung: Ab sofort nehme ich wieder meine alte innere Haltung ein.

:-))
Rüdiger

Beitrag von Rüdiger »

Noch ein paar ergänzende Anmerkungen, da die Gefahr des völlig einseitig Missverstanden-werdens doch immer sehr groß ist, wie sich immer wieder zeigt:

Natürlich konnte Karl May auch zutiefst menschlich und mitfühlend sein. Das gefällt mir ja gerade auch an ihm.

Aber die Kehrseite, Zynismus, Kälte, kannte er halt auch gut. Die wunderbaren Freundschaften und das beglückende Miteinander wird er mehr in seinen Büchern erlebt haben als in seinem Leben, und tiefe innere Einsamkeit und Enttäuschung über Welt und Menschen findet man schon in relativ frühen Hausschatz-Erzählungen wie denen, die später Band 3, „Von Bagdad nach Stambul“ bilden sollten.

Und wenn einer am Ende seines Lebens schreibt:

„Damals, als ich mich im Gefängnisse befand, da war ich frei. Da lebte ich im Schutze der Mauern. Da meinte es ein Jeder gut und ehrlich, der zu mir in die Zelle trat. Da durfte mich niemand berühren. Da war es keinem erlaubt, den Werdegang meines inneren Menschen zu stören. Kein Schurke hatte Macht über mich. Was ich besaß und was ich erwarb, das war mein sicheres, unantastbares Eigentum, bis ich - - entlassen wurde, länger nicht! Denn mit dieser Entlassung verlor ich meine Freiheit und meine Menschenrechte. Was andere, die nur materiell zu reden wissen, als Freiheit bezeichnen, das ist für mich ein Gefängnis, ein Arbeitshaus, ein Zuchthaus gewesen, in dem ich nun schon sechsunddreißig Jahre lang geschmachtet habe, ohne, außer meiner jetzigen Frau, einen einzigen Menschen zu finden, mit dem ich hätte sprechen können wie damals mit dem unvergeßlichen katholischen Katecheten.“ („Mein Leben und Streben“)

dann spricht das schon eine beredte Sprache.

Aus dem Nachruf auf Karl May von Robert Müller (1912):

* »Zu meinen letzten Tiefen«, hat er einmal in einem seiner zwanglos geistigen Gespräche geäußert, »ist noch kaum jemand gereist. Ich selbst war an Abgründen und Verräterspalten. Ich war an den Grenzen des Menschlichen - ich war in den Rocky Mountains, wo nur wenige waren: in den geistigen. Ich bin auf Pfaden geklettert. Und - all das ahnen sie nicht.« Sein Lächeln war damals milde und - schlaugut. Der Einsame kam sich reich vor in seinen seelischen Klüften und Bergen: er war einig mit seinen Menschlichkeiten, ein Glückstreffer, den nur die Schwergeprüften und die geistig Bereiften machen. Man könnte sagen, er hatte die geistvolle Bosheit der Güte. *
Schneffke
Beiträge: 19
Registriert: 12. Jan 2007, 16:01

Beitrag von Schneffke »

Ich habe meinen ersten KM-Band (Winnetou I) mit 7 oder 8 Jahren von meinem Vater zelebriert bekommen und habe mit 13 oder 14 (da hatte ich eh fast alle Bücher durch) aufgehört, weil er mir allmählich viel zu gestelzt vorkam.

Aber auch wenn seine Figuren oft nach Schema F am Reißbrett entstehen, Humor manchmal bei ihm sehr schlicht ist, er ein ausgesprochenes Sendungsbewußtsein hat und manches andere, was man ihm ankreiden könnte, so hat er mir als Kind die Welt größer gemacht. Fremde Kulturen, andere Länder, die Möglichkeit, mit der Phantasie weite Reisen anzutreten, das war einfach wunderbar. Ob er nun vor Ort war oder nicht, das war mir wurscht, daß er im Gefängnis war, das wußte ich alles, bevor ich eine erste Zeile von ihm gelesen habe.

Aber ebenso hat mein Vater auf die Frage, woher er dieses und jenes wisse (und damit immer fürchterlich Eindruck schund), meistens geantwortet "Das habe ich bei Karl May gelesen". So hat er einmal einen Einheimischen erstaunt, als dieser ihm eine bestimmte Wegbeschreibung liefern wollte und mein Vater aus seinem unendlichen KM-Fundus selbst die nötige Beschreibung lieferte. Demnach muß KM zumindest verdammt gut recherschiert haben.

KM ist sicher keine hohe Literatur wie Thomas Mann. Aber was ist dagegen einzuwenden. Immerhin lernt man als Kind Neugierde, Weltoffenheit und Toleranz.
Rüdiger

Beitrag von Rüdiger »

Ich lese beide, May wie Mann, je nach Lust & Laune.

Und May ist und bleibt mein Lieblingsautor.
Schneffke
Beiträge: 19
Registriert: 12. Jan 2007, 16:01

Beitrag von Schneffke »

Naja, seine Lieblingsautorexistenz hat KM bei mir vor über 20 Jahren verloren, aber gegen ihn lästern durfte keiner (außer mir natürlich), da gabs knallhartes Contra. Die eiserne Loyalität hält vermutlich auch den Rest meines Lebens an. Und da er auch so wunderbare Figuren wie Herrn Schneffke erschaffen konnte, nehme ich ihm seine Langweilerhelden auch nicht krumm.
Rüdiger

Beitrag von Rüdiger »

Seine Position als Lieblingsautor hatte er auch bei mir zwischenzeitlich eingebüßt, es gibt ja auch noch andere in der Tat lesenswerte Autoren,

;-)

aber ich bin, sozusagen, zu ihm zurückgekehrt. Ich weiß nicht ob Ihnen das was sagt wenn ich Ihnen jetzt mit Kleists Marionettentheateraufsatz zur Erläuterung oder zum Vergleich komme. Oder sagen wir so, als ich mit Ende Vierzig erstmals in Griechenland war, habe ich festgestellt, so dolle ist das gar nicht, und in Holland gefällt es mir doch besser. Verstehense ?

;-)

Der größte Langweilerheld ist, auch wenn ich jetzt gewaltigen Ärger kriegen sollte, Winnetou. Mit dem konnte ich noch nie allzuviel anfangen. Aber seine Halefs, Lindsays, Schneffkes, Hobble Franks usw. usf., und vor allen ihn selber (aber er ist ja das alles auch, teilweise) liebe ich.

(Daß wir in Schneffke einmal mehr Münchmeyer sehen, war vielleicht eine Spur zu weit aus dem Fenster gelehnt und entsprang mehr einem spontanen Gedanken. Heute bin ich mir schon nicht mehr so sicher. Gewisse Überschneidungen gibt's ja immer.)
Rolf Dernen
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Beitrag von Rolf Dernen »

Rüdiger hat geschrieben:Der größte Langweilerheld ist, auch wenn ich jetzt gewaltigen Ärger kriegen sollte, Winnetou. Mit dem konnte ich noch nie allzuviel anfangen. Aber seine Halefs, Lindsays, Schneffkes, Hobble Franks usw. usf., und vor allen ihn selber (aber er ist ja das alles auch, teilweise) liebe ich.
Bevor Du Ärger bekommen solltest stehe ich Dir erst mal zur Seite. Der edle Langweiler war auch nie mein Fall. So, jetzt simmer schon zwei.

Grüße

Rolf
andrea
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Registriert: 29. Dez 2005, 12:51

Beitrag von andrea »

Liebeleins, da schließe ich mich euch doch an. Ich war auch nie ein Fan des "lieben, lieben Winnetou"s. Zu gut, wenig Fehler, wahrhaftig gut aussehend, edel vom Gemüt, hilfreich - so unrealistisch. Wo gibbet denn solche Männer...

Bin da schon eher Fan von "Was für ein Mann" :-))

@Rolf: Freue mich schon wie jeck auf Samstag!!
Sylvia
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Beitrag von Sylvia »

Nun mal ganz langsam Ihr Lieben, bevor Ihr Euch zu Dritt aus dem Fenster kippt, maytechnisch gesehen, war Winnetou Mays größter Coup. Eine Überhöhung seiner Selbst, ein Heiligtum, eine gigantische Luftblase, ein Überidol, der Hammer!

Sylvia
tainischoh
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Beitrag von tainischoh »

Aber irgendwie ist der Gute ein bißchen zu sehr der Hammer. Denn offen gestanden kann ich mich den anderen dreien auch nur anschließen: dann lieber Halef oder Sir David.

PS: Ich freue mich auch schon auf Samstag, es gibt sogar noch eine Überraschung an eine Teilnehmerin *gg*
Sylvia
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Beitrag von Sylvia »

Winnetou war Mays Feuerzangenbowle auf Indianisch.
Insofern verkörpert er eine besondere Welt, meinetwegen naiv, aber das war eben auch der besondere Zauber. Oder hat von Euch als Kind jemand Sam Hawkens und Bloody Fox gespielt? Also ich war meistens Old Shatterhand, der Klugscheißer, und mein Kumpel war meistens Winntou, der verlässliche Freund.
Ich denke, wer May liest, sucht keinen Dostojewski und keinen hochliterarischwertvollen Thomas Mann, wo der doch immer genannt wird als Anhaltspunkt dafür, was wirklich gute Literatur ist, sonst würde er eben Dostojewski und Mann lesen, wenn ihm danach ist. Wer May liest, will in diese einfachere Welt eintauchen. Und Winntou ist am allereinfachsten, wo er auftaucht, ist die Welt (bald) wieder in Ordnung. Ist doch ganz einfache Psychologie. :-))

Sylvia
Rolf Dernen
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Beitrag von Rolf Dernen »

Daß das Prinzip Winnetou (ich spendiere Dir bei Gelegenheit mal 2 "e", sie scheinen Dir ausgegangen zu sein ;-))) ) bestens funktioniert, bezweifelt wohl niemand. Allein, wir etwas älteren, abgeklärten Menschen sehen halt in den nicht so perfekten Personen aus Mays Werk die interessanteren. Nur darum ging es.

Grüße

Rolf
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