Hallo,
nachdem Elke Lakey im neu erschienenen Heft 106 einen Artikel über die Freilichtspiele in Dasing verfasst hat, möchte ich meine Eindrücke der diesjährigen Aufführung hier im Forum hinterlassen.
In weiten Teilen stimme ich mit den Aussagen von Elke überein, möchte aber gleichzeitig hier darlegen, was mir besonders positiv oder negativ auffiel.
Zunächst will ich klarstellen, dass ich froh bin, dass es die Chance gibt, dass sich in Süddeutschland Karl-May-Festspiele etablieren. Um das Ergebnis gleich vorweg zu nehmen: es war für mich insgesamt ein schöner und gelungener Abend, bei dem ich viel Spaß hatte. Ich war 2006 das erste Mal dort und werde wieder hinfahren und mir die nächste Inszenierung ansehen.
Trotzdem gibt es einige Punkte, die ich dringend für verbesserungswürdig halte. Diese werde ich im folgenden ausführen, weil ich die Hoffnung habe, dass diese beseitigt oder behoben werden. Denn dann wird man künftig diese Bühne mit Respekt beachten.
Mit skeptischen Gefühlen bin ich nach Dasing gefahren. Als erstes stellte ich fest, dass das Areal, das dort insgesamt zur Verfügung steht, sehr klein ist. Wenn man nur den reinen Bühnenbereich betrachtet, so gehört er zusammen mit der Tribühne und der Spielfläche zu den kleineren der vielen deutschen Freilichtbühnen.
Vor der Aufführung:
Nachdem man das Gelände betreten hat, kommt man direkt auf den zentralen Platz. Dort findet Stunden vor Spielbeginn ein Unterhaltungsprogramm statt. Das Programm ist anfangs schlicht und steigert sich bis hin zu interessanten Kunststückchen.
Das Essen am Büffet mit einer Auswahl, die zum Abend passte, schmeckte einwandfrei.
Beim weiteren Bummel kann man außerhalb des zentralen Marktplatzes und des Freilichttheaters das eigentliche Westerngelände besichtigen. Hier gibt es Indianerzelte, Blockhütten und Bestandteile eines Forts zu sehen. Diese dekorativen Elemente müßten meiner Ansicht unbedingt gepflegt werden. Wenn technische Geräte aus der heutigen Zeit in Indianertipis verrosten, dann sieht das verkommen aus. So etwas tut den Augen weh.
Die Inszenierung:
Die Inszenierung von "Der Schatz im Silbersee" war vielseitig. Die Auftritte der Kutschen und die Verfolgungen quer über die (kleine) Bühne zu Pferde waren eine gelungene Abwechslung. Insgesamt hatte ich bei der Inszenierung der Szenen das Gefühl, dass alles zusammengehörte. Auch das indianische Dorfleben wirkte nicht gekünstelt.
Die Spieler:
Horst Janson überzeugte auf der ganzen Linie. Er intergrierte sich ins Gesamtgefüge, spielte natürlich. Dies galt insbesondere bei schwer spielbaren Textpassagen, die sonst leicht ins pathetische abwandern hätten können. Er war spielerisch eindeutig und unbestritten der beste. Schön ist es, ihn wieder in 2007 in Dasing zu sehen.
Matthias M. spielt so, wie ich mir heute Winnetou vorstellen möchte
UND er sieht auch so aus, wie ich mir Winnetou vorstellen möchte.
Er ist der zweitbeste Mann auf dem Platz - und das nicht nur, weil er die Hauptrolle hat, sondern weil er wirkt. Er hat eine sehr starke und sympathische Ausstrahlung. Man könnte sagen es umgibt ihn eine Aura, durch die man spürt, wenn er auf die Bühne kommt.
Ihm ist zu wünschen, dass er noch viele große Chancen angeboten bekommt und wahrnehmen kann.
Tessa Bauer spielte die Ellen Patterson und auch die Leiterin des Waisenhauses. Als Ellen muss ich ihr ein Riesenkompliment machen. Sympathisch, natürlich, selbstbewußt füllte sie die Rolle aus. Als Waisenhausleiterin gefiel sie mir nicht. Da war sie mir zu zurückhaltend und unnatürlich.
Es war ein einzigartiger Genuss zusehen zu können, wie Reiter und Pferd bei Fred Rai und seinem Spitzbub eine Einheit bilden. Wenn Fred Rai nicht vermutlich der beste Reiter des Ensembles wäre, könnte er noch mehr in einer Rolle als "Präsident der Vereinigten Staaten" oder in einer so ähnlichen Rolle sein dominantes Wesen und seine Art dem Publikum vermitteln.
Als Bösewicht Brinkley ist er hinter seiner spielerischen Fassade den Mitschurken und Gegnern viel zu freundlich gesonnen. Gleichzeitig nimmt man ihm den Wohltäter nicht ab, der seine Verbrechen nur begeht, um gutes für Waisenkinder tun zu können. Hätte es sich um einen sogenannten "vermeintlichen" Wohltäter gehandelt, der letzten Endes doch nur auf seinen eigenen Gewinn bedacht ist, so hätte dies Fred Rai und seiner Rolle besser gestanden.
Rudi Sorger als Sam Hawkens, Stefan Mayr als Tante Droll, Waldemar Wichlinski als Old Bearhand und Wakana und Peter Görlach als Ovuts Avath fielen mir in Bezug auf das spielerische Können angenehm auf.
Die Kleindarsteller dagegen agierten leider sehr oft auf eine Weise, wie man sie auf schlechten Laienbühnen findet. Auf Amateurbühnen oder auf semiprofessionellen Bühnen sollte so schlechte Leistung nicht mehr zu finden sein. Wenn Kleindarsteller Text hatten, traten sie vor zur Mitte der Bühne, sagten ihren Text mit ausgebreiteten Armen - wie der Pfarrer in der Kirche - auf. Danach gingen sie wieder nach hinten oder starben gleich an Ort und Stelle, weil sie von Brinkley erschossen wurden. Das letztere war nicht unbedingt bedauerlich. Es ersparte den Zuschauern weiteres Aufsagen von Texten. Rein unter diesem Gesichtspunkt betrachtet, hätte auch Mrs. Butler erschossen werden dürfen. Hier müsste der Regisseur an Gestik, Betonung und spielerischer Umsetzung wesentlich mehr feilen.
Die Handlung:
Die Rahmenhandlung mit den Waisenhaus und der Leiterin war für mich eine akzeptable Idee, die zwar nichts mit dem Original zu tun hatte, aber dennoch neue Chancen und Perspektiven bot.
Das Konzept vom Schurken Brinkley mit dem weichen Kern, dessen Seele in der Hölle vielleicht ein Erbarmen findet, weil er auch etwas gutes bewirken wollte, ist eine der stark misslungenen Ideen des Textbuchs. In mehreren - gleichmäßig über die Aufführung verteilten - Monologen, die allesamt pathetisch wirken, versucht Brinkley alias Fred Rai zu vermitteln, wie aus ihm der Schurke wurde und warum er für Kinder etwas Gutes tun will. Solche Textstellen laufen fast immer Gefahr, dass sie zu dick aufgetragen wirken, selbst wenn sie von perfekten Profis gespielt werden. Dieser Versuch, die Motivation des Cornel Brinkley darzustellen, war nicht notwendig. Die dahinterliegende Idee hingegen, dass dieser Schatz einem Waisenhaus zugute kommt, empfand ich als Karl May gerecht.
Etwas holprig waren auch die plötzlichen, völlig unmotiviert vorkommenden Erschießungsaktionen von Brinkley. Es war zu deutlich zu spüren, dass es nur darum ging, ihn als Bösewicht in Erscheinung treten zu lassen. Warum die Stimmung des Cornel Brinkley umschlug und warum er die Erschießungen vornahm, war nicht erkennbar.
Es mag sein, dass Männern in Frauenkleidern besonders gut beim Publikum ankommen. Das war in Dasing die Basis für den Klamauk, der in einer Freilichtinszenierung dieser Art nicht fehlen darf. Dennoch bin ich der Ansicht, dass die Rolle der Tante Droll dem Autor Karl May überhaupt nicht gerecht wurde. Tante Droll trägt im Original eine Bekleidung, die weiblich wirkt und hat mit seiner Fistelstimme eine zusätzlich feminine Eigenschaft. Nur aus diesem Grund hat er den Spitznamen Tante Droll. Er hat sich jedoch nie als Frau ausgegeben und wollte auch nie für eine Frau gehalten werden. In diesem Zusammenhang hat mich auch sehr gestört, dass Sam Hawkens dieser angeblichen Frau hinterhersteigen musste. Ganz so blöd ist der gute alte Sam Hawkens bei Karl May nicht, wenn ich mich nicht irre.
Nach der Aufführung:
Hier hat mir sehr gefallen, dass alle wichtigen Rollenträger zu Autogrammen bereitsstanden, Fotos gemacht werden konnten und auch gesprächsbereit waren. Das gesangliche Programm mit Country-Musik im Saloon rundete einen unterhaltsamen Abend ab.
Noch eine Bemerkung am Rande: Während des Musikprogramms fiel mir auf, dass Matthias M. als Country-Sänger geschminkt im Rampenlicht eine dezente - ich betone nochmal: dezente - Ähnlichkeit zu Freddy Mercury hat. Zuerst vergewisserte ich mich bei einem weiteren Bekannten, ob dieser Eindruck nachvollziehbar ist. Als ich mich bestätigt sah, sprach ich Matthias M. darauf an. Seiner Auskunft nach war ich der erste, der das bemerkt haben soll.
Zum Abschluss sei noch ein Pluspunkt erwähnt: Sehr gefreut hat mich, dass im Programmheft Karl May gewürdigt wurde und abgebildet war. Diese zwei Seiten finden sich in der vorderen Hälfte ( ! ) des Programmhefts. Dies interpretiere ich als Aussage über den Stellenwert, den die Person Karl May in Dasing hat. Nicht jede Karl-May-Bühne hält dies heutzutage noch für notwendig.
Das waren meine Eindrücke.
Grüße von
Bernhard
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"Magnificent - prächtig - schönes Abenteuer - hundert Pfund wert!"
(Sir David Lindsay in Karl Mays Durch die Wüste, )
Süddeutsche KM-Festspiele Dasing 2006 - Schatz im Silbersee
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BernhardT
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Noch ein kleiner Nachtrag zu meinen Text von oben fällt mir ein:
Trotz der von mir erwähnten Schwachstellen im Textbuch ist es den Freilichtspielen in Dasing gelungen einen Spannungsbogen aufzubauen, der bis zum Ende anhält. Gerade die neu erfundenen, Karl May fremden Bestandteile lassen auch den Karl-May-Kenner bis zum Ende neugierig bleiben, wie dieses Abenteuer ausgehen wird.
Diese Spannung vermisse ich in einigen anderen namhaften Freilichtbühnen. Dort ist viel zu oft absehbar, nach welchem "Kochrezept" das Abenteuer ablaufen und enden wird.
Viele Grüße
Bernhard
Trotz der von mir erwähnten Schwachstellen im Textbuch ist es den Freilichtspielen in Dasing gelungen einen Spannungsbogen aufzubauen, der bis zum Ende anhält. Gerade die neu erfundenen, Karl May fremden Bestandteile lassen auch den Karl-May-Kenner bis zum Ende neugierig bleiben, wie dieses Abenteuer ausgehen wird.
Diese Spannung vermisse ich in einigen anderen namhaften Freilichtbühnen. Dort ist viel zu oft absehbar, nach welchem "Kochrezept" das Abenteuer ablaufen und enden wird.
Viele Grüße
Bernhard