Kurzgeschichten von May-Fans

Rüdiger

Beitrag von Rüdiger »

Aus den Aufzeichnungen von Kara Ben Halef:

Zunächst habe ich die traurige Pflicht, von dem zu berichten, wovon Kara Ben Nemsi bis zum Ende seines eigenen Lebens nichts berichtet, sich ausgeschwiegen hat. Er hat es versucht, sah sich aber dazu nicht in der Lage. Ich meine den Tod meines Vaters Hadschi Halef Omar.

Hadschi Halef starb durch die mörderische Kugel, nicht eines Feindes, bzw., wenn man so will, allenfalls eines inneren Feindes, seiner Lebensgier nämlich, seiner Lust an den einfachen, schönen Dingen. Aber ich möchte doch lieber statt von einem Feind von einem Freund sprechen, denn wie wir wissen, kann auch der Tod, Freund Hain, durchaus ein solcher sein.

Es war bei einem Festmahl, mein schon älterer Vater aß und trank wie eh und je, und da er längst zum Christentum übergetreten war, konnte er ohne Gewissensbisse seinem Schweinebraten und all dem frönen, wonach ihm sonst noch so war.

Die beiden riesigen Kartoffelklöße, die seine Bratenplatte säumten, sollten indes seine letzten sein. Hadschi Halef ist, mitten im Leben und im Genuß, an ihnen erstickt. Und so wollen wir nicht vergessen, dass kaum ein schönerer Tod für ihn vorstellbar gewesen wäre, und das lässt uns denn das folgende leichter ertragen.

Wir umstehenden eilten dem hilflos gestikulierenden, nach Luft ringenden sofort zu Hilfe. Aber es war zu spät. Wenn ein Leben vollendet ist, dann können wir nicht mehr eingreifen, dann ist die Stunde bestimmt.

Der Hadschi sank zurück und das Leben wich aus ihm. „Sihdi, mein Sihdi ...“, in die angegriffen wirkenden, doch noch immer irgendwie lustigen Augen brach etwas Fremdes, so nie gesehenes herein, „grüß mir … Hanneh“. Die Augen des Hadschi drückten jetzt eine Art Erschrecken aus, die Einsicht und sichere Erkenntnis, dass es diesmal kein Zurück mehr gebe, und dass dieser Weg kein leichter sei. Trennung, nach all diesen Jahrzehnten, vom geliebten Leben, von Frau und Freund, diesmal für immer, für diese Welt. Abschied.

Kara Ben Nemsi rührte sich nicht, sagte nichts, konnte nichts sagen. Ein leichtes, kaum wahrnehmbares Zittern vermeinten wir wahrzunehmen, ansonsten stand er versteinert, verkrampft, gelähmt. Sanft streckte der Hadschi noch einmal seine Hand aus, vielmehr, wollte dies tun, es blieb beim Ansatz der Bewegung, dann fiel sein Kopf zurück; es war vorbei.

Auf dem Teller neben dem Sofa lagen noch immer die Reste zweier überdimensionaler Kartoffelklöße, und Bratengeruch erfüllte den Raum. Es war völlig still, nur dieser Geruch war unignorierbar, bildete, gleichsam, den Schwerpunkt der sinnlichen Wahrnehmung. Als wolle Gott der Herr etwas wie die Andeutung eines Lächelns als eine Gnade in diesen Raum senden, auf dass seine Kinder den Schmerz aushielten, in dem sie wankten.

Niemand sagte etwas. Der Arzt beugte sich über den Toten und verließ wortlos und leise den Raum. Ich ging ihm nach. Kara Ben Nemsi blieb bei der Leiche zurück. Nie hat er über diesen Tag gesprochen, nie haben wir ihn befragt. Als wir Hadschi Halef zu Grabe trugen, hat er gelacht und geweint.

*

Auf einem Ehrenhügel steht ein schlichter Grabstein, und davor steht ein alter, grauer Mann, Kara Ben Nemsi Effendi, allein nun, still und stumm, und versetzt sich noch einmal zurück, in Jahre der Freundschaft, des Abenteuers, in Lachen und Weinen, Höhen und Tiefen, und er denkt vor allem an eines, das so nur der hingegangene Freund ihm gab und wofür ein Wort steht: Treue.

Auf den Grabstein hat man keine großen Worte gesetzt. Aber dort steht mehr, als tausend Worte zu sagen vermöchten, neben schlichten Zahlen nur ein Name:

Hadschi Halef Omar Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawuhd Al Gossarah.
Sylvia
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Beitrag von Sylvia »

Willst Du meine Meinung hören?
JennyFlorstedt
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Beitrag von JennyFlorstedt »

Pass nur auf, dass Du alle Leseebenen berücksichtigst. :)

ta

PS: Und bestimmt will er nicht hören, dass Erstickende selten letzte Worte von sich geben. Und dass der Schweinebraten auch besser ein Hirschgulasch oder etwas ähnliches wäre.
Rüdiger

Beitrag von Rüdiger »

Das mit dem Ersticken ist natürlich richtig und war mir vollauf bewußt. Indes, die Todesart war gleichsam vorgegeben, und auf letzte Worte wollte ich auch nicht verzichten. Man denke sich einfach ein Herzversagen hinzu, ist doch letzten Endes egal. Woran genau stirbt zum Beispiel Gustav von Aschenbach, das ist bis heute nicht endgültig geklärt.

Das mit dem Hirschgulasch zeugt indes von Unverständnis. Allein schon weil Hadschi Halef eher einen schlichteren Geschmack hatte und schon bei Karl May des öfteren von Schweinebraten die Rede ist.
Sylvia
Beiträge: 231
Registriert: 29. Dez 2005, 10:43

Beitrag von Sylvia »

Nicht, dass das falsch verstanden wird, ich fragte deshalb, weil es vielleicht den Fluss der Geschichten stören könnte, wenn man dauernd mit seinen Anmerkungen kommt. Ich meinte also, ob eine Meinung generell erwünscht ist in dem Thread, oder ob wir ihn ganz unkommentiert lassen. Vielleicht wäre das besser?
Rüwis Geschichte finde ich wunderbar! Das schreib ich jetzt mal, bevor er ein: "Ist mir eh wurscht, was einer denkt" hinmotzt.
Rüdiger

Beitrag von Rüdiger »

bevor er ein: "Ist mir eh wurscht, was einer denkt" hinmotzt.
Über "Syhi und Ruewi, Ferndiagnosen aller Art" hatten wir ja schon gesprochen. Wir könnten auch noch ein Seminar "Gedankenlesen auf Gegenseitigkeit" anbieten.

;-)
JennyFlorstedt
Beiträge: 395
Registriert: 28. Dez 2005, 10:25

Beitrag von JennyFlorstedt »

Halefs schlichten Geschmack in allen Ehren: aber zeig mir mal einen Moslem, der einen Schweinebraten verdrückt.

Jajaja... Du hast Dir bei allem, was gedacht. Ich kann es nicht mehr hören.

ta
Helmut
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Beitrag von Helmut »

JennyFlorstedt hat geschrieben:Halefs schlichten Geschmack in allen Ehren: aber zeig mir mal einen Moslem, der einen Schweinebraten verdrückt.

ta
Oh, da könnte ich Dir aus dem Stegreif mindestens 5 nennen, bei denen ich das gesehen habe.

Helmut

PS.: Rüdigers Geschichte hat mich (in allen Leseebenen, von denen ich was verstehe) einfach köstlich amüsiert.
JennyFlorstedt
Beiträge: 395
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Beitrag von JennyFlorstedt »

Dann ziehe ich den Einwand zurück.
Johnny
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Beitrag von Johnny »

Ich weis ja nicht ob das mal erwähnt wurde bei May, denn ich habe noch lange nicht alles von ihm gelesen (auch nicht ardistan und dschinnistan; noch nicht).
Aber warum sollte er nicht von seinem Tod berichten?
Er hat doch auch von Winnetou erzählt.
Und bitte warum redet Kara Ben Halef mit "Hadschi" und "Scheik" von seinem Vater?
Das wirkt etwas befremdend.
Ansonsten aber sehr gut und bewegend, wie ich finde!
Johnny
Beiträge: 221
Registriert: 6. Okt 2006, 18:23
Wohnort: Köln

Beitrag von Johnny »

Auf die Gefahr hin, doppelzuposten, hier direkt noch eine Kurzgeschichte, auch in der Wüste.
Es ist eine Schilderung, keine Handlung kommt vor.
Ich habe sie vor nem halben Jahr geschrieben.
Zu der Äußerung, ich hätte jetzt ja viele Jahre hinter mir, seitdem ich "El Büdsch" geschrieben habe:
Damals war ich 12 oder so aber jetzt bin ich auch nicht viel älter, nämlich 15:)


Der Sandsturm


Wenn der einsame Reiter durch die scheinbar so ruhige, oasenreiche Wüste kommt und die friedliche Stille sein Gemüt erheitert, geschieht es nicht selten, dass sich seine Stimmung schlagartig ändert. Der Erfahrene merkt sofort, was droht, wenn langsam eine leichte Brise aufkommt und erschreckend schnell anschwillt, doch die Erfahrung rettet in dieser Situation auch nicht. Der Unerfahrene ist sowieso verloren, ja er ist so töricht, sich über die anfangs kühle “Erquickung“ zu freuen. Doch die “Erquickung“ ändert schnell ihre Gesinnung. Sie wird glühend vor Zorn über den Eindringling und beginnt zu toben. Sie, die ehemalige Brise, wird zum Wind. Wird zum Sturm. Der Sturm kämpft gegen die Eindringlinge an, wobei er tausende seiner kleinen gelben Untertanen, der Sandkörner, mitreißt und sie in die Augen der Feinde treibt.
Er kocht seine Feinde.
Er reißt sie fort.
Er peitscht sie. –
Er treibt sie in den Tod.
Er scheint unbesiegbar und sein Spiel auf Leben und Tod kann Stunden dauern, oder nur ein paar Minuten. – Aber eins ist sicher: Er geht ebensoschnell, wie er kommt. Und wenn er dann schließlich weitergezogen ist, um über den nächsten Reiter herzufallen, dann hat die Wüste ein völlig neues Gesicht, denn der Sturm hat seine gelben Untertanen neu verteilt – die Hügel sind gewandert.
Also hätte ein Reisender, der es tatsächlich geschafft hat, den Sturm zu überleben, nur überlebt, um danach zu verdursten, da er komplett die Orientierung verliert. – Die Hügel, die seine Wegweiser waren, sind verschwunden, die Fährte, aus der er seine Richtung hätte erkennen können, verweht, sein Kamel, das “Wüstenschiff“, verreckt und die vielleicht schon so nahe Oase verschüttet.
Dies ist das schreckliche Werk des Sandsturmes, der sich aufführt, als wäre er der Herr der Wüste. – Das Einzige , was bleibt sind die Geier, die über dem Verschmachtenden kreisen und warten, bis sein Herz endgültig aussetzt.
Der “Herr der Wüste“ aber zieht unbeirrt weiter und hinterlässt eine grausame Spur des Verderbens auf seinem Weg.


@Sylvia:
Und das Kamel stirbt wieder!
Zu "El Büdsch": Mag sein, dass May seine Helden nicht so sterben lässt, doch May hat mich ja auch nur dazu inspiriert; ich wollte mich auch nicht ganz an sein Muster halten.


Ich habe übrigens eine Website angelegt, auf der Geschichten veröffentlicht werden.
Wer dort hingelangen will, muss einfach nur in meinem Profil den Button dafür anklicken.
Rüdiger

Beitrag von Rüdiger »

Jajaja... Du hast Dir bei allem, was gedacht. Ich kann es nicht mehr hören.
Sie ist offenbar noch beleidigt wegen gestern oder vorgestern.

Das ist manchmal der Unterschied zwischen Männern und Frauen; wenn mir einer barsch an den Kopf würfe, ich verstünde nun mal nichts von Geschichte, Physik oder was auch immer, würde ich vermutlich letzten Endes fair und sachlich bleiben und denken, nun, da hat er wohl Recht, jeder hat so seins, wo er gut ist und wo er nicht so gut ist ("Du kannst nicht alles haben ...").

Der Einwand mit dem Schweinebraten ist übrigens in etwa so, als ob einer im Zusammenhang mit Halef sagte "Zeig' mir mal einen Hadschi, der nicht in Mekka war". Aua.
Aber warum sollte er nicht von seinem Tod berichten?
Er hat doch auch von Winnetou erzählt.
Er hat es offenbar versucht, was auch in der Geschichte vorkommt. Er soll einmal, so stand irgendwo zu lesen, mit den Worten „Ich kann ihn nicht sterben lassen“ unter Tränen aus seinem Schreibzimmer gekommen sein.
Und bitte warum redet Kara Ben Halef mit "Hadschi" und "Scheik" von seinem Vater?
Das Wort “Scheik” kommt in dem Text nicht vor (wäre aber durchaus auch denkbar). Der mehrmalige „Hadschi“ aus dem Munde des Sohnes soll zum einen Respekt ausdrücken, zum anderen auf den Wallfahrer, auch im übertragenen Sinne, den auf dem Weg seienden bzw. auf dem Weg gewesenen, hinweisen. – Ich erinnere mich z.B., wie Willy Brandt mal von seiner geschiedenen Frau mit den Worthen „Ruth Brandt“ sprach. Da klang Respekt durch, und auch: das Familiäre, persönliche bewusst herausnehmen, den eigenen Bezug zur erwähnten Person bewusst hintanstellen.

Und die Sandsturm-Geschichte, also, wenn der Sandhofer nicht mal glaubhaft versichert hätte, er benutze nur dieses eine Pseudonym, dann würde ich jetzt schon wieder denken, dass er hinter diesem 15jährigen Johnny steckt. Die ist so lebensweise, die Geschichte, und der Stil kömmt mir irgendwie auch nicht zum ersten Male so abgeklärt-sanftmütig und mit Augenzwinkern durchsetzt daher.

;-)
Johnny
Beiträge: 221
Registriert: 6. Okt 2006, 18:23
Wohnort: Köln

Beitrag von Johnny »

Also ich bin mit sicherheit nicht Sandhofer.
Und die Geschichte soll "lebensweise" sein?
Naja... wenn Sie meinen...
Ich habe sie jedenfalls vor 1/2 - 1 Jahr für die Schule geschrieben. Da sollten wir eine Schilderung über ein Naturereignis schreiben.
Wäre ein 15- (damals 14-) jähriger Ihrer Meinung also nicht in der Lage, so eine Geschichte zu schreiben?
Finde ich nicht, denn ich hab sie ja geschrieben und bin nicht sandhofer.
Rüdiger

Beitrag von Rüdiger »

Ich habe übrigens heute mittag (wenn mal jemand in Mannheim ist und es gutbürgerlich mag und sich in einem Lokal wohlfühlt, wo es innen wie außen noch so aussieht wie vor vierzig oder fünfzig Jahren: Hemmlein !) Gänsebraten mit Rotkohl und - Kartoffelklößen gegessen. Die waren indes weder in Beschaffenheit noch Größe irgendwie spektakulär. Und auch sonst hielten sich die Parallelen zur Geschichte in engen Grenzen, was der eine oder insbeondere die andere (und da ist noch eine, so im Köln-Bonner Raum) sicher durchaus bedauern mag.

;-)
Rüdiger

Beitrag von Rüdiger »

Wäre ein 15- (damals 14-) jähriger Ihrer Meinung also nicht in der Lage, so eine Geschichte zu schreiben?
Doch, ich war auch mal so einer.

Bleib' ruhig beim Du, man hat mir hier seinerzeit schon schriftlich gegeben, daß ich aus den Kinderschuhen noch nicht heraus sei.

;-)

Sandhofer, Sandstürmer, sandige Gegend hier ...
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