Radio: hr 2 Doppel-Kopf "Am Tisch mit Helmut Schmiedt"

Sven Margref
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Radio: hr 2 Doppel-Kopf "Am Tisch mit Helmut Schmiedt"

Beitrag von Sven Margref »

Eine Interview-Sendung von hr2 Kultur - zwar schon vorbei, aber in der ARD-Mediathek zum Nachhören:

http://www.ardmediathek.de/ard/servlet/content/938006

Und wie so oft beginnt die Sendung mit Klischees "Waren sie in Nscho-tschi verliebt?" um mal eine Frage zu zitieren. Ansonsten ein recht interessantes Gespräch.
Rüdiger

Re: Radio: hr 2 Doppel-Kopf "Am Tisch mit Helmut Schmiedt"

Beitrag von Rüdiger »

Vielen Dank für den Service, habe mir die Sendung gleich in voller Länge angehört. Schmiedt ist ein sympathischer und kluger Mann, der von seiner Materie wirklich etwas versteht, und nicht zuletzt zu differenzierter Betrachtungsweise in der Lage ist (Schade daß es von dieser ‚Sorte’ ansonsten in der ‚Szene’ offenbar nicht allzu viele gibt.)

Nur an einer einzigen Stelle war ich etwas anderer Meinung bzw. möchte eine ergänzende Anmerkung machen, und zwar wo es um Mays scheinbar zu simple psychologische Charakterisierung seiner Figuren ging.

Nicht erst im ‚Silberlöwen’ teilt Karl May schon mal eine Person auf mehrere auf (dort erscheint er selber z.B. als Ustad, Kara Ben Nemsi und Tifl), auch schon vorher, wenn man so will von Anfang an (Halef !). Spätestens in „Weihnacht“ kann es einem einigermaßen deutlich auffallen, das kann man so lesen, daß man nicht nur Carpio, sondern sogar den ‚Prayer-Man’ [teilweise] als Ich-Derivate empfindet (aber auch allerhand ‚Edelschurken’ vorher, Abu Seif, Sendador u.a., so wäre er vielleicht selber gern gewesen oder geworden, bzw., man kann die klammheimliche Sympathie oder den Respekt des Autors gegenüber diesen seinen ‚Schöpfungen’ spüren, auf der anderen Seite Leute wie der vermeintliche Barbier aus Jüterbog u.v.a., Kleinkriminelle und ‚arme Würstchen’ aller Art, so wäre er eben nicht gerne geworden, das sind gewissermaßen gestaltgewordene Ängste). Und wenn man eine Mischfarbe in Rot, Gelb und Grün oder was auch immer aufspaltet, dann sind diese Einzelteile halt schon ein wenig ‚eindimensional’, th’ is clear.

„Zeige ihnen einmal ein volles Menschen-Ich, von dessen Wesen sie trotz aller Psychologie noch keine Ahnung haben. Zerlege es vor ihren Augen in deutliche Gestalten, von denen du glaubst, daß sie sofort verstanden werden müssen - was wird die Folge sein? Man sieht das nicht, was du beschreibst, und denkt darum, du redest nur von körperlichen Dingen. Das preßt den Blinden jenes Lachen aus, worüber Sehende am liebsten weinen möchten“

(Im Reiche des Silbernen Löwen IV)
markus
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Re: Radio: hr 2 Doppel-Kopf "Am Tisch mit Helmut Schmiedt"

Beitrag von markus »

Die Fledermaus gefiel mir am besten;-)).

Nein, das war eines der besten Beiträge der letzten Jahre aus Radio/TV über Karl May das ich gehört/gesehen habe. Auch die Moderatorin bediente nur wenige Klischees, war überwiegend Seriös und machte sich nur wenig lustig. Wenn ich da noch an "Planet Wissen" vom letzten Jahr denke, wird mir jetzt noch übel. Man konnte es den beiden Moderatoren ansehen daß sie es von Anfang an vor hatten sich über das Thema "Karl May" lustig zu machen.

Schmiedt halte ich auch wie Rüdiger für eine kompetente Persönlichkeit in Sachen May.
Rüdiger

Re: Radio: hr 2 Doppel-Kopf "Am Tisch mit Helmut Schmiedt"

Beitrag von Rüdiger »

markus hat geschrieben: Man konnte es den beiden Moderatoren ansehen daß sie es von Anfang an vor hatten sich über das Thema "Karl May" lustig zu machen.
Das glaube ich gar nicht mal so direkt. Vielleicht haben sie es sogar "gut gemeint". Diese Haltung, erwachsenen Menschen, die sich mit Karl May beschäftigen, mit einer gewissen "Nachsicht" gegenüberzutreten, als handele es sich bei ihnen zwar um liebenswürdige, aber irgendwie zurückgebliebene, etwas einfältige oder sonstwelche mit einem gewissen Mitgefühl zu behandelnde Wesen, ist außerordentlich verbreitet. Das liegt halt an dem sozusagen verheerenden May-Bild, das in der breiten Öffentlichkeit herrscht. Selbst wenn du es ihnen erklärst, sie glauben es nicht, für sie ist und bleibt Karl May ein Jugendschriftsteller und Autor von nicht allzu ernst zu nehmenden Indianergeschichten. Habe das in einem Forum (Wagner) erlebt, und auch im Alltag, wenn die Leute hören du beschäftigst dich mit Karl May, bist du in einer Schublade, aus der du nie wieder herauskommst (was Tendenzen wie Desinteresse an Menschen beim einen oder anderen noch ein wenig verstärken kann ..)

In dieser Sendung war es in der Tat nicht so schlimm seitens der Moderatorin. - Auf das neue Buch vom Schmiedt bin ich gespannt.
Helmut
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Re: Radio: hr 2 Doppel-Kopf "Am Tisch mit Helmut Schmiedt"

Beitrag von Helmut »

Das war wirklich ein der besten Sendungen über Karl May, die ich jemals gehört habe (, außer natürlich, dass man "Non piu andrai" aus "Le nozze di Figaro" heutzutage nun wirklich nicht mehr auf deutsch gesungen hören kann (außer vielleicht von Dietrich Fischer Diskau und nicht von Hermann Prey (?))).
Ich würde es sehr begrüßen, wenn ich dieses Gespräch gedruckt haben könnte; denn dann kann man (zumindest gilt das für mich) doch intensiver damit beschäftigen.

Helmut
Rüdiger

Re: Radio: hr 2 Doppel-Kopf "Am Tisch mit Helmut Schmiedt"

Beitrag von Rüdiger »

Helmut hat geschrieben:außer natürlich, dass man "Non piu andrai" aus "Le nozze di Figaro" heutzutage nun wirklich nicht mehr auf deutsch gesungen hören kann
Das dürfte Ansichtssache sein .. Nun gut, gesungen ist Italienisch vielleicht schöner ... aber wenn ich in Programmheften oder auf Plakaten "Il barbiere di Siviglia" lese oder bei der "Hochzeit des Figaro", die für mich immer noch so heißt, "dramma giocoso" als Untertitel, usw., usf., da denke ich immer, na fein, verstehen tut's sozusagen keiner, aber Hauptsache es klingt schön schick und gebildet ... (bei dem einen oder anderen der italienischen Titel komm’ ich manchmal auf ganz dumme Gedanken …) Ich sag’ ja auch nicht ich fahr’ nach Pari … oder Strahsbouuhr, noch netter …

;-)

Was den Musikgeschmack betrifft, gehen der von Schmiedt und mir offenbar in unterschiedliche Richtungen ... bei der Klassik hab' ich es lieber schwerblütiger. Die Rolling Stones gefielen mir von den drei Sachen noch am besten.

;-)
Helmut
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Re: Radio: hr 2 Doppel-Kopf "Am Tisch mit Helmut Schmiedt"

Beitrag von Helmut »

/vollkommen off-topic/

"dass man "Non piu andrai" aus "Le nozze di Figaro" heutzutage nun wirklich nicht mehr auf deutsch gesungen hören kann"

Da spielt natürlich (für mich) der Komponist eine wesentlich Rolle.
Mozart hat ja bekanntlich seine Musik (fast) immer auf den Interpreten "leibgeschneidert" komoniert; so gibt es z.B. 2 Versionen des "Don Giovanni" (einmal für die Aufführung (und das Ensemble) in Wien und einmal für selbiges in Prag) und sogar 2 Versionen der c-moll Sinfonie KV550 (einmal für ein Orchester mit Klarinetten, einmal für ein solches ohne Klarinetten).
Deshalb bin ich felsenfest davon überzeugt, dass Mozart für einen anderen Text (z.B. in deutscher Übersetzung) eine andere Melodie komponiert hätte.

Deshalb ist eben eine Arie Mozarts mit übersetztem Text so etwas wie eine "unzulässige Bearbeitung".
Wobei ich hiermit schon fast wieder den Bogen zu Karl May zurück geschafft habe.


Helmut
Rüdiger

Re: Radio: hr 2 Doppel-Kopf "Am Tisch mit Helmut Schmiedt"

Beitrag von Rüdiger »

"Wenn Sie dem Radio zuhören, so hören und sehen Sie den Urkampf zwischen Idee und Erscheinung, zwischen Ewigkeit und Zeit, zwischen Göttlichem und Menschlichem. Gerade so, mein Lieber, wie das Radio die herrlichste Musik der Welt zehn Minuten lang wahllos in die unmöglichsten Räume wirft, in bürgerliche Salons und in Dachkammern, zwischen schwatzende, fressende, gähnende, schlafende Abonnenten hinein, so, wie er diese Musik ihrer sinnlichen Schönheit beraubt, sie verdirbt, verkratzt und verschleimt und dennoch ihren Geist nicht ganz umbringen kann – gerade so schmeißt das Leben, die sogenannte Wirklichkeit, mit dem herrlichen Bilderspiel der Welt um sich, lässt auf Händel einen Vortrag über die Technik der Bilanzverschleierung in mittleren industriellen Betrieben folgen, macht aus zauberhaften Orchesterklängen einen unappetitlichen Tönenschleim, schiebt seine Technik, seine Betriebsamkeit, seine wüste Notdurft und Eitelkeit überall zwischen Idee und Wirklichkeit, zwischen Orchester und Ohr. Das ganze Leben ist so, mein Kleiner, und wir müssen es so sein lassen und wenn wir keine Esel sind, lachen wir dazu.“

(Mozart zu Harry Haller, in: Hermann Hesse, Der Steppenwolf)

;-)
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