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Bad Segeberg - "Winnetou I""

Verfasst: 25. Jun 2007, 08:27
von Steamroller
Unter strömendem Regen losgefahren und bei Sonnenschein das Stück "Winnetou I" gesehen.

Nach der obligartorischen Eröffnungsrede von Frau Thienel und dem brausenden Beifall für Gojko Mitic, Jochen Baumert, Nico König, Patrick Bach und anderen Gästen, konnte ich den Autritt von unserem neuen Winnetou (mit freiem Oberkörper und laut Presse nicht fit) nicht erwarten.

Klasse Beginn mit der Übergabe der Häuptlingswürde und ein Erol Sander reitet edel und stolz in vollständiger Bekleidung ins Rund.

Klasse auch die sportliche Betätigung von Winnetou (ab jetzt mit freiem Oberkörper) und zwei Kriegern beim Ballspiel. Der folgende Kampf mit den Soldaten zeigt mir, der Wechsel des Hauptdarstellers war richtig und ist geglückt.

Bei uns in der Presse steht: "Atemberaubender Winnetou" - Erol Sander nicht fit und schnauft.(???)

Nach dem Begutachten einiger Filme mit Erol Sander, finde ich, daß
seine Aussprache sowieso atmungsaktiver ist. Ähnlich wie bei Joshy Peters. Meiner Ansicht nach, fiel ein "aus der Puste sein"
erst nach dem Kampf mit Old Shatterhand auf.

Thorsten Nindel fällt nicht auf und seine Stimme ist etwas dünn für meinen Begriff. Leider hatte er auch noch Pech mit seinem Mikro.

Santer Peter Kremer hatte eine herrliche fiese Stimme, blieb aber blass. Letztes Jahr hatten wir einen klasse Santer.

Sam Hawkens Ulli Kinalzik hatte eine viel zu kleine Rolle. Leute, bei "Winnetou I" ist Sam wichtig. Ich habe Jochen Baumert vermißt.

Rattler und Capitano(spielte wirklich fies - Anderson Farah) waren auffälliger und mehr im Stück, als ihr Boss Santer.

Tangua war mit Matthias Friedrich meiner Meinung nach fehlbesetzt.

Einfach süss und klasse war wie immer Vanida Karun als Nscho-tschi. Ich halte Sie sowieso als Idealbesetzung für die Hauptrolle
einer Indianerin. Hoffentlich spielt sie Ribanna nächstes Jahr bei

"WINNETOU UND OLD FIREHAND".

Joshy Peters als Intschu-tschuna einfach klasse, würdevoll und edel. Eine Super - Winnetou - Familie.

Die Komiker fand ich zum Teil völlig überflüssig. Rainer König im unpassenden Countrysänger - Outfit und zappelig ohne Ende, brachte mich nie zum schmunzeln, sondern lies mich immer nervöser werden. Frank Schröder, den ich sehr gerne in Bad Segeberg als Komiker sehe, hatte eine fürchterliche Rolle.

Herr Stamp hat wunderschöne Bilder erschaffen: Der erste Einritt von Winnetou, Ballspiel des jungen Winnetou, Feindschaft und Blutsbrüderschaft wurden klasse rübergebracht, Old Shatterhand und Nscho-tschi im Pueblo usw.). Warum mindert Herr Stamp diese
ernsthaften Szenen mit teilweise peinlicher Komik.

Die Verkleidung als Kaktus und die "Pfurz-Blume" am Pueblo waren einfach nür fürchterlich!

Fazit: Winnetou jung, agil und klasse. Der Wechsel ist in meinen Augen mehr als geglückt. Ein toller neuer Winnetou, haltet ihn fest! Prima ernste Handlung, zum Teil stark gemildert durch überflüssige Komik.

Ich gehe nocheinmal, it's clear!

Verfasst: 25. Jun 2007, 12:03
von Nummer2
Wir waren am Freitag Abend bei der Generalprobe. Ich möchte versuchen, meine Eindrücke hier wiederzugeben, ganz subjektiv.
Wir, das waren: meine Frau (kennt Karl May nur von den Festspielen, das 3. Mal dabei), meine Mutter (großer Sander-Fan, war ebenfalls schon öfter in Segeberg), meine Tochter (6 Jahre, zum 3. Mal dabei) und ich (kenne alle Bücher und Filme, war schon 5x in SE – Brice, Mitic). Während der Generalprobe lief im Großen und Ganzen alles glatt, bis auf ein paar unwichtige Timing-Probleme ist mir kein Fehler aufgefallen. Und das, obwohl es die erste Stunde über heftigst geregnet hat!

Generell kann ich steamrollers Post unterstreichen, vieles habe ich ähnlich gesehen.

Hier meine Meinung in Stichpunkten:

Publikum: Eine Katastrophe. Wenig Beifall, extrem unruhig, konstante Geräuschkulisse. Das lag wohl unter anderem am Regen, viele Leute waren mehr mit dem Trockenhalten ihrer Sachen beschäftigt als mit der Vorführung. Diverse aufgespannte Regenschirme führten zusätzlich zu Diskussionen im Publikum.

Winnetou: Hat mich umgehauen. Sander hat die Rolle hervorragend interpretiert, überzeugend gespielt und er sah einfach klasse aus. Er hat zwar nicht mit nacktem Oberkörper gespielt (Starkregen!), aber mit ärmellosem Lederhemd trotzdem eine Augenweide – fragt mal meine Begleiterinnen! Die "keuchende" Stimme ist auch uns aufgefallen, aber nicht negativ. Sie passte gut zur Rolle, wirkte emotional und natürlich.

Old Shatterhand: Hat mich nicht überzeugt. Netter Mann, aber ein Weichei. Lustlos gespielt, passte nicht richtig ins Kostüm, dünne Stimme, ungeschickte Bewegungen. Was am Anfang noch zum "Greenhorn" passte, wurde später leider nicht der Rolle gerecht. Vielleicht war es nur Lampenfieber oder das Wetter, Nindel muss aber unbedingt noch in die Rolle hineinwachsen.

Sam Hawkens: Er hatte diesmal wirklich nicht die tragende Rolle, die er sonst gehabt hat. Er hatte selten lustige Szenen und wurde von den beiden anderen "Komikern" in den Schatten gestellt. Nicht seine Schuld! Es lag eindeutig am Script.

Bösewichte: Santer war praktisch nicht existent. Die Rolle ging total unter neben den exzellenten und stark in den Plot integrierten Rattler und Capitano. Vor allem Rattler mit deiner Martin-Semmelrogge-Stimme war schön fies.

Spaßvögel: Aus der Sicht des ernsthaften Karl-May-Fans waren Juggle Fred und Jacques Le Clou zu albern und hatten einen viel zu starken Anteil am Spiel. Aber wenn man bedenkt, wie viele Kinder im Publikum sitzen und wieviel Beifall die beiden bekamen, dann muss schon irgend etwas richtig daran sein. Meine Tochter hatte mehrmals einen Lachanfall, das wir Angst um sie hatten. Dennoch hätte man gut auf die Kaktus-Szene und den Can-Can verzichten können. Meiner Meinung nach haben beide übrigens ihre Rollen toll gespielt, vor allem Juggle Fred war super besetzt.

Stunts und Action: Hier wurden alle Register gezogen! Die Kampfszenen waren toll, gut choreografiert und umgesetzt. Ein paar sehenswerte Stürze und jede Menge Explosionen – da war jede Menge Action. Allerdings wurde diesmal mit der Lautstärke der Explosionen übertrieben, das war schon etwas heftig für Kinder und Hypertoniker.

Tiere: Die Vogeldressuren waren eindrucksvoll und haben perfekt geklappt, dafür gab es viel spontanen Beifall. Auch die Pferde waren gut eingesetzt (wenn auch sehr nervös), es war immer viel Bewegung. Seltsamerweise wurde die Kutsche anfangs von zwei (sehr nervösen), später nur noch von einem Pferd gezogen. Gab es hier ein Problem? Selbst wenn, dann wurde es perfekt gelöst.

Story: Hier gab es meiner Meinung nach Defizite. Die Struktur mit dem Rückblick war zwar interessant, aber nicht für alle sofort durchschaubar. Ein bisschen Moderation oder eine stärkere Trennung wären hifreich gewesen. Was ich schlecht fand, war der abrupte Wechsel in Winnetous Einstellung Old Shatterhand gegenüber: Erst blanker Hass, dann große Liebe. Diese Entwicklung wurde sehr kurz und knapp rübergebracht; wer das Buch nicht kennt, wird da irritiert sein. Überhaupt war die Handlung etwas zerfahren, vor allem der Wechsel von ernsthafter und komischer Handlung war immer sehr abrupt. In anderen Inszenierungen waren die Späße besser integriert. Aber: Wenn man bedenkt, wieviel Handlung in diese 2 Stunden gepresst werden musste, um die ganze Geschichte zu erzählen, ist es doch in Ordnung. Vor allem, weil es trotzdem gelungen ist, mehrere ruhige Passagen einzubauen und einige Schlüsselszenen – z.B. den Kampf zwischen Winnetou und Old Shatterhand oder die Häuptlings-Ernennung – sehr detailliert darzustellen. Vielleicht lag es auch ein wenig an den vielen gleichwertigen Rollen im zweiten Glied, dass das Stück ein bisschen den roten Faden vermissen ließ.

Fazit:
Schauspieler: Licht und Schatten
Handlung: technisch top, Handlung müsste geradliniger sein
Extras, Überraschungen, Effekte: Gewohnt gut

Wir werden noch mindestens ein Mal hingehen und schauen, ob sich im Laufe der Saison noch etwas verändert hat!

Muß soviel Komik unbedingt sein?

Verfasst: 25. Jun 2007, 12:22
von Steamroller
Statt soviel teils peinliche Komik einzusetzen, hätte ich mich über den Ausbau der Old Schatterhand/Nscho-tschi-Beziehung gefreut.

Auch die Entwicklung von Winnetou vom Krieger zum Häuptling
hätte mehr Zeit verdient.

Als Komiker wären Sam und Jacques ausreichend gewesen, die
Rolle von Ulli Kinalzik hätte dadurch mehr Raum erhalten. Sam
Hawkens hat in "Winnetou I" mehr Beachtung verdient, als ihm
in die Handlung geschrieben wurde.

Ich habe als Karl-May-Fan nichts gegen die komischen Teile der
Stücke und sehe ein, das sie für viele Teile des jährlichen Publik-
ums wichtig sind, aber bitte passend. Es geht, wie man an vielen
Beispielen der letzten Jahre gesehen hat.

Re: Muß soviel Komik unbedingt sein?

Verfasst: 25. Jun 2007, 14:48
von f.l.
Steamroller hat geschrieben:Als Komiker wären Sam und Jacques ausreichend gewesen, die
Rolle von Ulli Kinalzik hätte dadurch mehr Raum erhalten.
Ist Sam Hawkens in Winnetou I in der Tat eine komische Figur?

lg
fanny

PS: Die Bemerkungen über den "schaufenden, keuchenden" Winnetou finde ich persönlich lustig. Der Junge hat grad gegen 5 Soldaten gekämpft, da darf er ruhig schnaufen. Das macht die Sache glaubwürdiger, als wenn er sich nach einem Kampf kurz schüttelt und dann föhlich pfeifend aufs Pferd springt... oder nicht?

Verfasst: 25. Jun 2007, 17:03
von Norbert
Ich habe dazu mal eine Frage.
Es stand irgendwo geschriben, dass der Sam Hawkens-Darsteller im Filmkostüm der 1960er Jahre spielt.
Stimmt das?
Über eine Antwort würde ich mich freuen.

Norbert

Verfasst: 25. Jun 2007, 19:18
von HGS
Norbert hat geschrieben:Ich habe dazu mal eine Frage.
Es stand irgendwo geschriben, dass der Sam Hawkens-Darsteller im Filmkostüm der 1960er Jahre spielt.
Stimmt das?
Über eine Antwort würde ich mich freuen.

Norbert
Hey Norbert!

Hoffe das es Dir gut geht. Ja, es ist das Filmkostm von Ralf Wolter. Uli Kinalzik ist ein wenig größer als Jochen Baumert und kann den schweren Rock tragen. Bei der Pressekonferenz sprach er ganz Stolz über das Kostüm.

LG

Verfasst: 25. Jun 2007, 19:22
von Norbert
Hallo Heinz-Gerd,

danke für Deine Antwort.
Melde Dich doch mal bei Gelegnheit bei mir.

Gruß
Norbert

Verfasst: 25. Jun 2007, 19:49
von HGS
Norbert hat geschrieben:Hallo Heinz-Gerd,

danke für Deine Antwort.
Melde Dich doch mal bei Gelegnheit bei mir.

Gruß
Norbert
Hey Du!

Jap wir sollten mal wieder. Vielleicht morgen abend?

LG

Verfasst: 25. Jun 2007, 21:49
von f.l.
HGS hat geschrieben:[Ja, es ist das Filmkostm von Ralf Wolter.
Ist es das wirklich? Ich meine in der letzten Saison trug Jochen Baumert dieses auf der Reisemesse. Irgendwie hab ich den Mantel nur ähnlich in Erinnerung... oder irre ich mich da?

Verfasst: 25. Jun 2007, 21:58
von Rolf Dernen
Um es gleich zu Beginn vom Tisch zu wischen: man komme mir nicht mit dem hundertausendmal gehörten "Es ist ja ein Stück frei nach Karl May und man kann nicht erwarten, daß buchgetreu gespielt wird und außerdem ist es für die ganze Familie und die Kinder lachen". Vergeßt es! Ich kenne dieses Gequake bis zum Überdruß. - So, und wer jetzt weiterlesen mag, kann es tun.

Ich konzentriere mich auf eine einzelne Szene: Nscho-tschi pflegt den im Zweikampf mit Winnetou verletzten Old Shatterhand. Im Buch ist das die Schlüsselszene zwischen den beiden, weil sie sich in Gesprächen austauschen und nach und nach die Position des jeweils anderen kennen lernen. Im Stück spricht Nscho-tschi nicht mit Shatterhand. Weil sie nicht darf oder sowas. Selten habe ich so eine vertane Chance erlebt in einem Stück, das immerhin besser ist als manch anderes, was ich in den letzten Jahren in Segeberg gesehen habe. Aber man ist ja schlauer als Karl May. Nein, ich erwarte nicht den kompletten Buchdialog, aber ein paar Worte hin und her, ein kurzes Gespräch, das ein bißchen in die Tiefe geht - aber nichts davon. Shatterhand spricht und Nscho-tschi schweigt. Interessantes Frauenbild, ganz nebenbei.

Über Idiotien wie den Kaktus will ich mich nicht auslassen. Daß man im Apachenpueblo anscheinend stets ein- und ausgehen kann, wenn man Bandit oder Kiowa ist, erscheint auch höchst seltsam, ich empfehle einen albanischen Türsteher ("Du komms' hier nich' rein!).

Eines allerdings sei auch gesagt. Erol Sander ist hervorragend.

Grüße
Rolf

Verfasst: 25. Jun 2007, 22:24
von Rolf Dernen
Bilder von der Aufführung am Sonntag, 24.6., gibt es übrigens hier:

http://www.karl-may-magazin.de/galerie/ ... d+Segeberg

Sam Hawkens und die Freilichtbühnenkomik

Verfasst: 26. Jun 2007, 08:10
von Steamroller
Mir ist vollkommen klar, daß der gute Sam bei Karl May ein pfiffiger, kluger Westmann ist.

Leider braucht Bad Segeberg, wie auch andere Bühnen, anscheinend immer viel "Komik".

Die Rolle des Sam Hawkens ist fast immer dabei, darum meinte ich:
Wenn die Komik sein muss, dann auf wenigere Rollen verteilen.

Verfasst: 26. Jun 2007, 13:01
von Nummer2
Karl May hat in fast allen seiner Bücher eine mehr oder weniger komische Figur eingebaut, um die Handlung aufzulockern. Meistens war sie eine Kombination aus Bauernschläue, Erfahrung, Weisheit, intelligentem Witz und einem "witzigen" körperlichem Handicap (damals war das wohl noch "politisch korrekt"). Beispiele sind Sam Hawkens oder Hadschi Halef Omar. Oder auch der Dicke Jemmy oder Gunstick Uncle oder Juggle Fred ... etc.

Im Buch reicht dieser oft hintergründige, meist relativ intelligente Humor aus. Auf 2 Stunden komprimiert, für eine Zielgruppe von 5 bis 90 Jahren aus allen Bevölkerungsschichten und im Rahmen einer extrem komprimierten Handlung kann er nicht ausreichen. Dann ist es Aufgabe der Bühnenautoren und der Regie, die humoristischen Elemente passend zu gewichten und nahtlos ins Spiel zu integrieren – am besten natürlich, ohne die originalen Rollen zu sehr zu verfälschen.

Diesmal ist das leider nicht so gut gelungen, wie ja allgemeiner Konsens zu sein scheint. Immerhin hat Sam Hawkens 2007 eine Rolle bekommen, die von der Gewichtung und der Ausrichtung her sehr ans Buch angelehnt ist: ernsthafte Aktionen mit einem hin und wieder aufblitzenden Humor, ohne allzu albern oder gar überflüssig zu sein. Für 2 Stunden Bad Segeberg-Action reicht das natürlich nicht, also wurden noch 2 weitere Figuren "erschaffen" bzw. transferiert. Und da wurde – meiner Meinung nach – das Niveau verfehlt und die Integration in die Story vermasselt. Dabei wären die beiden "Typen" von der Idee und der schauspielerischen Leistung her sicher in der Lage gewesen, positiv Stimmung zu verbreiten – ohne den Spielfluss zu stören. Schade zwar, aber alles in allem war es trotzdem toll :-)

Verfasst: 26. Jun 2007, 18:35
von reinhardhh
es ist ja schon einiges geschrieben worden, was gar nicht geht, hier mehr davon: Nie wären Old Shatterhand und Sam Hawkens auf die Idee gekommen, zusammen mit den Kiowas das Pueblo anzugreifen. Das hätten die Apachen den Westmännern nie verzeihen können. Das Pueblo musste m. E. nur andauernd angegriffen werden, damit Teile desselben immer wieder explodieren konnten. Intschu tschuna spricht davon, dass man in früheren Zeiten körbeweise Gold aus dem Nugget Tsil geholt hat - dazu lese man mal Karl May! Die Reiterkämpfe bei Schulze jr. sind immer eine Katastrophe. Es wird geballert, was die Büchsen hergeben, aber selbst aus einem Meter trifft keiner, es gibt nie Verletzte und Tote und dass eine Bühne mit so viel Geld nicht endlich die James Bond Waffen durch authentischere ersetzen kann ist auch oberpeinlich. Der Schluss ist unmotiviert und fast herzlos. Intschu tschuna ist tot und Winnetou interessiert sich eigentlich nur für die Silberbüchse. Aber... es gab schon schlechtere Stücke und Erols Sander war klasse!

Verfasst: 26. Jun 2007, 18:40
von Sabine
Immerhin hat Sam Hawkens 2007 eine Rolle bekommen, die von der Gewichtung und der Ausrichtung her sehr ans Buch angelehnt ist: ernsthafte Aktionen mit einem hin und wieder aufblitzenden Humor, ohne allzu albern oder gar überflüssig zu sein.
Das sehe ich ein bisschen anders. Die Rolle des Sam Hawkens wurde zwar gut gespielt, die Figur hat aber schlicht keine Funktion in dem Stück. Er läuft wie ein kleiner Dackel seinem Greenhorn, das von Anfang an als perfekter Westmann auf die Wild-West-Welt gekommen zu sein scheint und vom Autor des Stücks zum Boss des Bahn-Bautrupps erklärt wurde, hinterher und wird irgendwann von Shatterhand zwar als sein Lehrer bezeichnet, nachvollziehbar ist das aber in keiner Weise, da eine Lehrer/Schüler-Beziehung praktisch nicht stattfindet (ein Unterricht oder eine Unsicherheit Shatterhands wird noch nicht einmal angedeutet).

Die Story des Stückes stimmt für mich hinten und vorne nicht, und ich meine damit nicht, dass es nicht genau nach der Buchvorlage geht. Die Liebesgeschichte Shatterhand/Nscho-tschi kommt Knall auf Fall, ohne jeden Aufbau; die Wandlung Winnetous vom Hass zur Freundschaft ist irgendwie auch nicht recht glaubwürdig, weil sehr schnell und zunächst ohne einen Grund. Dazu kommt das an allen Ecken für Feinde einladend offene Pueblo, der - in dieser Inszenierung - eigentlich überflüssige Sam Hawkens, die Can-Can-Truppe mitten in der Wildnis, der viel zu statische und passive Santer (der viel durch seine Präsenz retten konnte) etc. Von Monsieur "Usch-Usch", seinem Freund Monsieur Schuggel und ihrer Suche nach der Furzblume ganz zu schweigen!

Es war nicht alles daneben: Sehr gut gefallen hat mir die Darstellung und Entwicklung des Winnetou: vom jungen, unbeschwerten Krieger, der von Vater und Lehrer gebremst werden und seine Kraft und Wut erstmal niederkämpfen muss, um im Interesse des Stammes handeln zu können bis zum beherrschten, von allen Apachen anerkannten Häuptling: das hat mir gut gefallen und war von Erol Sander auch klasse umgesetzt. Erstaunt hat mich, dass Winnetou den Tod von Vater und Schwester kaum zur Kenntnis nahm. Das tat dann Shatterhand, der da auch wirklich viel Gefühl in die Stimme legte.

Schauspieler und Komparsen waren allesamt gut drauf, die Hauptrollen excellent besetzt (auch wenn Herr Nindel für mich keine Shatterhand-Stimme hat). Mehr und aktivere Zweikämpfe haben dem Stück und damit dem Erlebnis Freilichtbühne durchaus gut getan, Schnaufen hin oder her.

Mein Fazit des diesjährigen Segeberger Stückes: Buch und Regie gehen eindeutig besser! Zu viele verschenkte Steilvorlagen aus der Vorlage, zu viel ablenkendes bzw. störendes Beiwerk. Man sollte das Publikum nicht unterschätzen! Die Kleinkinder, die den Holzhammerhumor der Herren Juggle-Fred und Le Clou noch verstehen, vergrätzt man mit brüllenden Banditen und heftigen Explosionen wieder. Vielleicht sollte man da den Beginn der Altersspanne für die Zielgruppe etwas höher ansetzen.