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Der Text:
Kulturjournal
"Das Buch der Liebe" - der unbekannte Karl May
Die Welt des Karl May - wie wir sie kennen - besteht aus jodelnden Rothäuten, rauchenden Colts und harten Kerlen. Liebe, Sex und Zärtlichkeit? Bisher Fehlanzeige. Doch wir haben uns alle in ihm getäuscht. Winnetous geistiger Vater war nicht nur ein Abenteuer-Schriftsteller, sondern auch Sex-Experte und Frauenkenner. Ein echter 'Doctor Love' - mit klar definiertem Rollenverständnis.
Dieter Sudhoff, Literaturwissenschaftler und Herausgeber der Neuedition von Karl Mays bisher unbekanntem Werk 'Das Buch der Liebe': "Für ihn war der Mann identisch mit dem Geist, die Frau war identisch mit der Seele. Und seine Idealvorstellung war, dass beide sich zum idealen Menschen vereinen sollten. Eine durchaus interessante Theorie, die aber doch sehr zeitverhaftet ist."
Das Blut des Südens
Es ist nicht nur graue - oder rosarote - Theorie, mit der uns das neu aufgelegte "Buch der Liebe" beglückt. Karl May erweitert unser Weltwissen auch mit praktischen Informationen - auf dem Stand von 1875: "Durch die Adern der Italienerin rollt das heiße Blut des Südens. Ihre vollen, lockenden Formen schwellen unter dem Drange des raschen, glühenden Pulses. Und aus ihrem dunklen Auge blitzt der Strahl des Verlangens und Gewährens."
Ah ja. Und was ist mit den Russinnen? - "Sie entbehren keineswegs der körperlichen Reize. Doch werden dieselben unter dem Einflusse der viel gebrauchten Dampfbäder sehr früh schlaff und welk."
Deutsch, sittlich, rein
Das haut selbst den stärksten Indianer um. Und es geht noch weiter: Sex, schreibt May, sollte ausschließlich der Fortpflanzung dienen. Und Wollust sei schlecht für die Gesundheit! Die deutsche Frau bewährt sich in sittlicher Reinheit und Liebe zum Vaterlande. Dazu Dieter Sudhoff: "Karl Mays Verhältnis zur Frauenemanzipation ist aus heutiger Sicht natürlich problematisch. Man muss aber sehen, dass auch Karl May ein Kind seiner Zeit war. Und dass er bestimmt stereotype Gedanken hatte, die er auch bis zuletzt verfolgt hat."
Bevor sogenannte "pikante Herrenfilme" unter dem Deckmäntelchen einer medizinischen Untersuchung den Voyeurismus der Zuschauer befriedigten, taten es 1875 schon vergleichsweise dröge anatomische Zeichnungen. Doch selbst die konnten auf dem Index landen.
Ein Deckmäntelchen musste her
Das Buch "Die Geschlechtskrankheiten des Menschen und ihre Heilung" war damals ein Bestseller. Als es 1875 von der Zensur verboten wird, kommt dem Verleger eine Idee. Er lässt das "anrüchige" Werk einbetten in eine geistig und moralisch hochstehende Betrachtung der Liebe - um so die Zensur auszutricksen. Und wer liefert die passenden Alibi-Texte? Natürlich, Karl May!
Mit 33 Jahren hat der bereits acht Jahre Gefängnis hinter sich - wegen Betrugs. Liebe und Sex kennt der Jungautor nur vom Hörensagen. Aber mit Fleiß und viel Fantasie stürzt er sich auf seine erste bezahlte Arbeit. Er verfasst einen flammenden Appell für Liebe und Frieden - garniert mit Bibelzitaten und Belehrungen über die ehelichen Pflichten - anonym, versteht sich. Dieter Sudhoff: "Man darf natürlich Karl May auf keinen Fall unterstellen, pornographisch geschrieben zu haben. Im Gegenteil: Er hat versucht, alles zu mildern, was auch nur in diese Richtung zielt." - Das perfekte literarische Feigenblatt also, so scheint es.
Kein Glück mit der Liebe
Trotzdem war Karl Mays Erstlingswerk kein Glück beschieden. Die Zensur lässt sich nicht täuschen. Der spätere Starautor und sein Verleger werden verklagt, schließlich aber freigesprochen. In der Folge verdient May sein Geld mit Kolportageromanen - Schundliteratur mit teils erotischem Inhalt.
Jahre später muss er bei seinen Zeitgenossen für diese Jugendsünden Abbitte leisten. Dieter Sudhoff: "Distanziert hat sich Karl May von den Kolportageromanen. Da wogen ab und zu mal ein paar Busen. Aber das reichte für die damalige Moral offenbar schon. Wenn man jetzt gewusst hätte, er hat auch noch das 'Buch der Liebe' geschrieben, wäre Karl May als Schriftsteller wohl erledigt gewesen."
Um Haaresbreite
In einer Winnetou-Verfilmung fragt Old Shatterhand den nachdenklichen Winnetou: "Woran denkt Ihr, mein Bruder". Vermutlich daran, dass es Winnetou um ein Haar wohl nie gegeben hätte. Sein geistiger Vater war eben auch mal jung - und brauchte das Geld.