DNN: IM Winnetou
Verfasst: 20. Nov 2006, 11:31
Aus den Dresdner Neueste Nachrichten:
Auch der IM war nackt
Leipzig. Die DDR, so weiß es Michael Wildt, Ausstellungsmacher des Leipziger Archivs Bürgerbewegung e.V., war auch eine "Nischengesellschaft". Man versuchte, sich zurückzuziehen, im Privaten, im Hobby die vielen politischen Zwänge zu umgehen. Camping und FKK, Kleingarten und Indianistik-Faible, Traditionspflege wie die der Völkerschlacht 1813, Briefmarken, Sport boten dazu vielfältige Gelegenheit.
Mit der Ausstellung "Die gelenkte Zeit - DDR-Lebenswelten in der Ära Honecker" gehen Wildt und Mitarbeiter, finanziell unterstützt von der Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, der These von den scheinbar ideologiefreien Nischen auf den Grund. 17 Schautafeln haben sie zu einer Wanderausstellung formiert und stellen und beantworten Fragen: Wie frei war die Freizeit wirklich? Nutzte, bekämpfte oder tolerierte die SED als selbst ernannte "führende Kraft" die als Nischen bezeichneten Lebenswelten?
Was nicht überrascht: Auch der IM ließ alle Hüllen fallen, war nackig überwachend präsent am FKK-Strand. Wurde die Freikörperkultur erst von den Sowjets toleriert, dann von den Genossen verboten, war sie zu späteren DDR-Zeiten anerkannt, so weit dieser Kult an genehmigten Stellen stattfand. Indianistik-Vereine waren trotz ihrer nicht unüblichen Stellungnahme zur antiimperialistischen Solidarität meist nicht sehr beliebt, Traditionsvereines nach dem Aufblühen des Preußentums in der DDR-Hauptstadt aber schon. Gar nicht leicht hatten es die Philatelisten, die ja vielfach in Kontakt standen mit dem unerwünschten Tauschpartner hinterm Eisernen Vorhang, ihre Sendungen aber nur über eine bestimmte postalische Stelle versandt und auch empfangen werden konnten.
Schlitzohrig handelte indes der sächsische Briefmarkensammler Lothar Meusel. Er stellte auf Ausstellungen seine große Sammlung zum Thema "Gewaltloser Widerstand" mit Marken unter anderem von Mahatma Ghandi und Martin Luther-King aus, schmuggelte aber gleichsam die bürgerrechtliche Kühnheit von den Schwertern zu Pflugscharen unters Volk.
"Die Staatssicherheit hatte mit dem Freizeitverhalten der DDR-Bürger insgesamt kein leichtes Spiel, sie war aber fraglos in der Regel immer ganz gut informiert", sagt Wildt. Der Bürger - wäre noch zu ergänzen - hatte meist nicht das Gefühl, in seiner Nischen überwacht und gesteuert zu werden. Eigentlich machte er, was er wollte. Und erkannte erst nach der Wende, als sich die Akten öffneten, das sein Häuptling Silberlocke Stasi-IM "Winnetou" war.
Thomas Mayer
ÚE"Die gelenkte Freizeit", bis 7. 12., Untere Wandelhalle Neues Rathaus, Eröffnung heute, 16 Uhr, anschließende Debatte über DDR-Indianistik-Gruppen. Weiteres Begleitprogramm unter Tel. (0341) 8 61 16 26.
http://www.archiv-buergerbewegung.de
Auch der IM war nackt
Leipzig. Die DDR, so weiß es Michael Wildt, Ausstellungsmacher des Leipziger Archivs Bürgerbewegung e.V., war auch eine "Nischengesellschaft". Man versuchte, sich zurückzuziehen, im Privaten, im Hobby die vielen politischen Zwänge zu umgehen. Camping und FKK, Kleingarten und Indianistik-Faible, Traditionspflege wie die der Völkerschlacht 1813, Briefmarken, Sport boten dazu vielfältige Gelegenheit.
Mit der Ausstellung "Die gelenkte Zeit - DDR-Lebenswelten in der Ära Honecker" gehen Wildt und Mitarbeiter, finanziell unterstützt von der Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, der These von den scheinbar ideologiefreien Nischen auf den Grund. 17 Schautafeln haben sie zu einer Wanderausstellung formiert und stellen und beantworten Fragen: Wie frei war die Freizeit wirklich? Nutzte, bekämpfte oder tolerierte die SED als selbst ernannte "führende Kraft" die als Nischen bezeichneten Lebenswelten?
Was nicht überrascht: Auch der IM ließ alle Hüllen fallen, war nackig überwachend präsent am FKK-Strand. Wurde die Freikörperkultur erst von den Sowjets toleriert, dann von den Genossen verboten, war sie zu späteren DDR-Zeiten anerkannt, so weit dieser Kult an genehmigten Stellen stattfand. Indianistik-Vereine waren trotz ihrer nicht unüblichen Stellungnahme zur antiimperialistischen Solidarität meist nicht sehr beliebt, Traditionsvereines nach dem Aufblühen des Preußentums in der DDR-Hauptstadt aber schon. Gar nicht leicht hatten es die Philatelisten, die ja vielfach in Kontakt standen mit dem unerwünschten Tauschpartner hinterm Eisernen Vorhang, ihre Sendungen aber nur über eine bestimmte postalische Stelle versandt und auch empfangen werden konnten.
Schlitzohrig handelte indes der sächsische Briefmarkensammler Lothar Meusel. Er stellte auf Ausstellungen seine große Sammlung zum Thema "Gewaltloser Widerstand" mit Marken unter anderem von Mahatma Ghandi und Martin Luther-King aus, schmuggelte aber gleichsam die bürgerrechtliche Kühnheit von den Schwertern zu Pflugscharen unters Volk.
"Die Staatssicherheit hatte mit dem Freizeitverhalten der DDR-Bürger insgesamt kein leichtes Spiel, sie war aber fraglos in der Regel immer ganz gut informiert", sagt Wildt. Der Bürger - wäre noch zu ergänzen - hatte meist nicht das Gefühl, in seiner Nischen überwacht und gesteuert zu werden. Eigentlich machte er, was er wollte. Und erkannte erst nach der Wende, als sich die Akten öffneten, das sein Häuptling Silberlocke Stasi-IM "Winnetou" war.
Thomas Mayer
ÚE"Die gelenkte Freizeit", bis 7. 12., Untere Wandelhalle Neues Rathaus, Eröffnung heute, 16 Uhr, anschließende Debatte über DDR-Indianistik-Gruppen. Weiteres Begleitprogramm unter Tel. (0341) 8 61 16 26.
http://www.archiv-buergerbewegung.de