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FAZ: Man muß zugeben: ein erstaunlicher Erzähler

Verfasst: 27. Jun 2006, 08:01
von Sven Margref
Aus der FAZ:

Fragen Sie Reich-Ranicki
Man muß zugeben: ein erstaunlicher Erzähler

26. Juni 2006
Als Kind liebte ich Karl May, ich war enttäuscht, als unsere Lehrerin mir erklärte, dies sei „Trivialliteratur“. Was halten Sie von diesem Autor?

Wolfgang Stednitz, Berlin

Marcel Reich-Ranicki: Eine schwierige Frage. Aber Ihre Lehrerin sieht die Sache richtig. Das ist tatsächlichTrivialliteratur. Gehört Karl May vielleicht deshalb zu den meistgelesenen europäischen Prosaschriftstellern? Dennoch habe ich nichts dagegen einzuwenden, daß Kinder und Jugendliche, wenn es ihnen Spaß bereitet, vorübergehend Karl May lesen.Er genierte sich nicht, die billigsten literarischen Mittel zu verwenden. Auch vor den ärgsten Primitivismen schreckte er nicht zurück. Sentimentalitäten hat er nie gemieden. Doch seine Gesamtauflage in deutscher Sprache beträgt (angeblich!) achtzig Millionen Exemplare.

Jeder außerordentliche Erfolg hat Gründe, die nicht immer leicht zu erkennen sind. Der wichtigste im Fall Karl May: Seine Phantasie ist, ich gebe es zu, bewundernswert. Denn er ist nach Nordamerika und auch in den Vorderen Orient erst dann gereist, als schon die meisten seiner Bücher veröffentlicht waren. Und er beherrschte die Kunst, spannende Geschichten zu schreiben. Trivialliteratur? Ja, aber alles in allem war er doch ein beachtlicher, ein, man muß es zugeben, erstaunlicher Erzähler.

Old Shatterhand, ein unerträglicher Wichtigtuer

Auch ich habe seine Romane einige Zeit gern gelesen. Ich war damals elf oder zwölf Jahre alt, ich habe es, wenn ich mich recht entsinne, auf (immerhin!) sechs seiner nicht dünnen Bände gebracht, insgesamt gab es schon beinahe sechzig. Im Gedächtnis hat sich mir vor allem die hochpathetische Trilogie „Winnetou“ eingeprägt und der „Schatz im Silbersee“.

Aber dann hatte ich von diesen hübschen grünen Bänden, die man von Schulfreunden leihen konnte, genug. Warum? Ich weiß es nicht mehr genau. Doch mußte es mit dem Helden und Ich-Erzähler der in Nordamerika spielenden Bücher Karl Mays zu tun haben, mit Old Shatterhand. Er war schon ein märchenhaft großartiger Mensch: der Klügste, der Stärkste, der Mutigste, der Selbstloseste, der beste Schütze und Ringkämpfer weit und breit, er war edel, hilfreich und gut.

Heroisch rettete er die Bedrängten und die in Not Geratenen, stets war er auf der Seite der unterdrückten Völker, zumal der Indianer. Und zugleich war Old Shatterhand, was uns Berliner Schülern der dreißiger Jahre besonders verächtlich vorkam - ein unerträglicher Wichtigtuer, ein ganz großer Angeber. Er behandelte die Bösewichter, wie sie es verdienten, er sorgte immer für Ordnung und Gerechtigkeit - wenn nicht mit der bloßen, mit der eisernen Faust, dann doch mit einer ungewöhnlichen Waffe, einer wahren Wunderwaffe. Heute erinnert uns dieses Wort an den Zweiten Weltkrieg. Mit der deutschen Wunderwaffe waren damals jene großen Hoffnungen verknüpft, die nie in Erfüllung gegangen sind. Übrigens: Zu den begeisterten Lesern Karl Mays gehörte auch Adolf Hitler.

Da konnte man Bloch nicht widersprechen

„Und mag am deutschen Wesen / Einmal noch die Welt genesen.“ Diese Verse des inzwischen vergessenen Poeten Emanuel Geibel aus Lübeck kannte ich damals wohl nicht. Aber es ging mir schon auf die Nerven, daß es bei Karl May immer ein Deutscher war, der in seinen Romanen dafür sorgt, daß am Ende natürlich das Gute siegt.

Vielleicht muß man Karl May durchmachen wie die Masern. Jedenfalls wünsche ich allen Lesern, daß sie diese Periode rasch überwinden. Doch den unverbesserlichen Karl-May-Enthusiasten will ich noch als Trost eine kleine (wahre!) Geschichte erzählen. Im Januar 1967 diskutierte ich in Tübingen mit dem alten, damals sehr berühmten Philosophen Ernst Bloch - es war eine Aufzeichnung für den Rundfunk - über allerlei, und bald kam Bloch, wie nicht anders zu erwarten war, auf den von ihm sehr geschätzten Karl May zu sprechen. Er sei einer der farbigsten und bedeutendsten Erzähler der deutschen Literatur.

Ich erlaubte mir, dieses Lob etwas einzuschränken und den doch dürftigen Stil des „Winnetou“-Autors zu beanstanden. Bloch war anderer Ansicht: Hier sei, meinte er, die Sprache des Erzählers seinem Stoff, seinen Figuren und Motiven vollkommen angemessen. Das schien mir keineswegs eine logische, hingegen eine zweideutige Äußerung - und ich widersprach nicht mehr.

Verfasst: 27. Jun 2006, 11:36
von Rüdiger
Wer's sagt, ist es selber, heißt es so schön, und es bestätigt sich hier einmal mehr auf's Schönste.
Er genierte sich nicht, die billigsten ... Mittel zu verwenden. Auch vor den ärgsten Primitivismen schreckte er nicht zurück.
ein unerträglicher Wichtigtuer
Der (ebenso unerträgliche) "Quatschkopf" fehlt eigentlich noch im Text.

Seinen Kanon mag er sich sonstwohin schmieren.

Verfasst: 27. Jun 2006, 18:34
von Rolf Dernen
Wer nur 6 Bände May gelesen hat und das auch nur in jugendlichem Alter, sollte sich über die literarische Bewertung von May zurückhalten, auch wenn er der von mir durchaus geschätzte MRR ist. Es kommen dabei doch nur die üblichen Vorurteile heraus, wie man ihnen auf Schritt und Tritt begegnet.

Grüße

Rolf

Verfasst: 27. Jun 2006, 18:56
von Rüdiger
Es gibt halt wesentlich feinsinnigere und differenziertere Literatur-Fachleute als MRR, Joachim Kaiser, Benjamin Henrichs z.B. Wenn die das gleiche gesagt hätten, hätte ich drüber nachgedacht und mich nicht aufgeregt. Aber das ausgerechnet dieser völlig überschätzte, marktschreierische Krawallo von billigsten Mitteln, Primitivismen und unerträglichem Wichtigtuer spricht, schlägt dem vielzitierten Fass denn doch dies und jenes aus.

Aber er kommt halt an bei den Leuten (Du bist jetzt nicht gemeint, Rolf), klar, weil er sich geschickt verkauft, ordentlich auf die Pauke haut und sprachliche, stimmliche und sonstige Ellenbogen kräftig einsetzt. Mir ist das zu blöd.

Verfasst: 28. Jun 2006, 13:57
von Hermesmeier
Achgott, der Marcel. Je mehr man sich über ihn aufregt, desto eher tut man ihm einen Gefallen.

Man muss ihn ja nicht leiden mögen, und dennoch könnte er doch auch mal was Richtiges sagen. Wer Karl May als Wichtigtuer bezeichnet, der liegt nicht so falsch. Und da MRR selbst einer ist, kann er es vielleicht sogar am besten beurteilen ;-)

Übel genommen habe ich ihm eher den Vergleich mit den Masern, die man durchmachen muss.

May-Masern

Verfasst: 28. Jun 2006, 14:27
von Sylvia
Hatte nicht Sandhofer die Masern, als er Karl May kennenlernte?

Ich finde, das mit den Masern hat ein bisschen Zündstoff. Frech aber war erst der nächste Satz, von wegen, dass er jedem wünscht, er möge diese May-Periode so rasch wie möglich überwinden. Warum? Kann man sich einen Schaden davon holen?

*blickt in die Runde der lieben Karl-May-Freunde*
Sylvia

Verfasst: 28. Jun 2006, 15:08
von Rüdiger
Warum? Kann man sich einen Schaden davon holen?

*blickt in die Runde der lieben Karl-May-Freunde*
:-))

Verfasst: 28. Jun 2006, 15:17
von Hermesmeier
Vielleicht wird hier auch einfach Ursache und Wirkung verwechselt? Könnte doch sein ein Schaden wäre die Grundvoraussetzung, um sich überhaupt mit Karl May zu befassen?

*blickt in die Runde der lieben Karl-May-Freunde*

Primitivismen, Wichtigtuer

Verfasst: 28. Jun 2006, 15:26
von sandhofer
Hallo zusammen!

Primitivismen, Wichtigtuer ... - oh, er hat so Unrecht nicht, Freund Reich-Ranicki. Dass dies literarische Qualität in der einen oder andern Form nicht ausschliesst, davor scheint er allerdings die Augen zu verschliessen. Und so ganz mag ich ihm auch nicht glauben, dass er und seine Schulkollegen derart immun gegen Karl May gewesen sind.

Der dürftige Stil des Autors - nun, das war zu jener Zeit (1967) auch ein Gemeinplatz, eine Aussage, die kursierte, ohne dass sie jemand nachgeprüft hätte. Auch Arno Schmidt kolportierte jenes Diktum, wonach May einen Wortschatz von gerade mal 300 Wörtern gehabt hätte. (Waren es 300? - Ich zitiere aus dem Gedächtnis ... )

Und MRR tat vielleicht ja auch gut daran, gegenüber Bloch aufs Maul zu sitzen. Blochs Einstufung Mays beruht ja auf ganz andern Kriterien als rein stilistischen.

Grüsse

Sandhofer

PS. @waukel/Sylvia: Manchmal jagt mir das weibliche Langzeitgedächtnis Angst ein ... *ggg*

Reich-Ranicki

Verfasst: 28. Jun 2006, 22:35
von Sylvia
Hi Sandhofer,
die wirklich wichtigen Dinge vergisst man eben nicht. gg *gg *gg

Hallo zusammen!
Manchmal frage ich mich schon, aus welchen Gründen Leute lesen. Was sucht man, was braucht man? Ablenkung, Wissen, Unterhaltung, Langeweile, ähnliche Gesinnung, Antworten, Freude am geschriebenen Wort, an Sprache und Ausdruck?
Bleiben wir bei Romanen, erfundenen Geschichten. wozu liest man sowas? Weil das Thema interessiert, weil es gut geschrieben ist, weil man ein Faible hat für spezielle Szenarien?
Wenn jemand sich quer durch die Weltliteratur liest, ist sein Motiv für's Lesen sicher ein anderes, als wenn jemand vorwiegend z.B.Abenteuerliteratur liest, oder meinetwegen Liebesromane oder Science Fiction.
Ich will damit sagen, dass, obwohl ich es interessant finde, wie Reich-Ranicki oder andere May beurteilen, es leider immer unberücksichtigt bleibt, wie die spezielle Situation für einen Leser ist, der sich mit bestimmten Autoren halt wohler fühlt als mit anderen. Dieser eine Autor gibt diesem Leser den besonderen Genuss am Lesen in seiner momentanen Stimmung und Situation.
Ist das nicht einfach genug? Muss man jedes Werk beurteilen, als wäre man ein Deutschlehrer. Muss man alles in Schubladen stecken. Kann man nicht einfach sagen: das war jetzt toll- oder- ich halte das für einen Schmarrn?

Gruß
Sylvia

Verfasst: 28. Jun 2006, 22:46
von Sylvia
Hermesmeier hat geschrieben:Vielleicht wird hier auch einfach Ursache und Wirkung verwechselt? Könnte doch sein ein Schaden wäre die Grundvoraussetzung, um sich überhaupt mit Karl May zu befassen?

*blickt in die Runde der lieben Karl-May-Freunde*
Ich finde das jetzt mal gar nicht so abwegig. Allerdings ist das Wort "Schaden" negativ belastet. Wir sind doch hoffentlich alle normal und kerngesund. Irgendwas muss doch bei den Maylesern gleich sein/ gewesen sein, dass dieser Autor ein so großes Interesse bewirkt hat. Aber was? Solange die Antwort nicht gefunden wird, nennen wir es meinetwegen den " Mayschaden".

Die Mayschaden... - ein unbekannter Stamm?

Gruß
Sylvia

Verfasst: 28. Jun 2006, 22:52
von Hermesmeier
Da hat sie noch einen dazwischen geschoben, die Sylvlia...
So schnell kann ja niemand schreiben ... Also bitte den Hals recken, und eins höher gucken:

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Hach, das liest sich so sympathisch.
Im Prinzip hast Du ja so Recht, und dann kommt doch das Aber von Radio Erewan:

Es ist vollkommen wurscht, ob MRR ein Buch lobt oder verreißt. Die Besprechung an sich hebt es bereits in den Adelsstand und katapultiert es in die Bestsellerlisten von "Spiegel" und Co.

Den Verkauf behindert es also nicht, das Büchernörgele, und dennoch belegt es die Beeinflussbarkeit von Lesern, ganz ohne Gefühl und ohne Verstand. Die Leute lesen offenbar nicht, was sie selbst interessiert, sondern das, worauf sie aufmerksam gemacht werden.

Eigentlich tut er niemandem weh, wenn man von den verletzten Eitelkeiten der Autoren absieht. Man könnte auf den Gedanken verfallen, dass sei zu vernachlässigen ... :D

Verfasst: 28. Jun 2006, 22:55
von Sylvia
Wieso? Hat er Dich auch schon mal besprochen? ;-)))

Verfasst: 28. Jun 2006, 22:58
von Hermesmeier
Ach nää, wär dat schöön!
Aber ich glaube, der verreißt 'nur' Literatur. Mit staubigen Sachtexten hat er's nicht so. :-))

Verfasst: 29. Jun 2006, 09:55
von Rüdiger
Meiner Lebensgefährtin (und anschließend auch mir) ist aufgefallen, dass die Autoren, die ich lese, bzw. deren Bücher viel gemeinsam haben: die Herren (Damen sind kaum unter den Autoren die ich lese, auch das fällt auf) sind meist einsame Wölfe, und in den Büchern geht es oft um Welt- und Menschenverachtung und/oder Außenseitertum in irgendeiner Form.

Insofern denke ich schon, ich suche (und finde) lesenderweise Bestätigung. Die ich im realen Leben weniger finde, ich habe noch kaum Menschen kennengelernt, die meine oft ungewöhnlichen Ansichten teilen. Aber in der Literatur ist das gar kein Problem. Manchmal ganz beruhigend, dass es gleiche Kaliber und auch noch ganz andere gibt, wenn ich z.B. Sibylle Berg lese, merke ich, da ist es bei mir ja alles noch ganz harmlos.

„Freude am geschriebenen Wort, an Sprache und Ausdruck?“ Oh ja, auch das spielt eine Rolle. In der Hinsicht ist der Thomas Mann ziemlich weit vorn, den könnte ich zwar „als Mensch“ posthum noch ohrfeigen, aber „als Autor“ ist er schon genial und wundervoll.
Muss man jedes Werk beurteilen, als wäre man ein Deutschlehrer. Muss man alles in Schubladen stecken. Kann man nicht einfach sagen: das war jetzt toll- oder- ich halte das für einen Schmarrn?
Ich mache das ganz ungeniert so. Ich lese, was mir Spaß macht. Das kann auch Trivialliteratur oder Pornographie sein, egal. Oder auch Bloch oder Wittgenstein. Ich merke bald, ob mir ein Autor liegt. Und wenn er mir nicht liegt, lege ich das Buch nach ein paar Dutzend Seiten weg und kenne den Autor dann halt nicht, ich werde den Teufel tun und mich da durch irgendetwas durchquälen, nur um Bescheid zu wissen. Ich lese (und lebe) nach meinen eigenen Maßstäben und gehe nicht nach irgendwelchen vorgegebenen Kriterien oder Richtlinien.

(Wenn ich Literaturwissenschaft studiert hätte – das hätte ich mal tun sollen, aber manchmal ist man erst hinterher schlauer – wäre das natürlich etwas anderes. Aber da der Zug nun eh abgefahren ist, was soll’s.)