Karl May - der fromme Psycholog
Verfasst: 24. Mai 2006, 11:43
Guten Morgen!
Meine ersten Karl-May-Bücher durfte ich ja nur lesen, weil der Lehrer meiner Mutter versicherte, May sei ein frommer und guter Mann gewesen. Da er selber fromm und gar Mitglied einer Sekte war (man frage mich aber jetzt nicht mehr, welcher!), galt sein Wort diesbezüglich etwas.
Ich muss allerdings gestehen, dass letzten Endes sowohl des Lehrers Bekehrungsversuche wie Karl Mays Frömmigkeit an mir abprallten. Ich hatte wohl schon als Neun- oder Zehnjähriger so etwas wie eine natürliche Imprägnierung gegen übertriebenes frommes Gehabe.
Nun scheint es allerdings modern zu werden, Karl May als den frommen Psychologen zu interpretieren. Beides will mir nicht einleuchten. "Psychologe" im Sinne eines, der seelisch-geistige Phänomene aufgrund einer logisch-wissenschaftlichen Klassifikation erfasst und beschreibt, war May sicher nicht. Was gemeinhin als "psychologisch" in seinen Schriften bezeichnet wird, ist nichts anderes als die jedem Romancier zuzuschreibende Eigenschaft, die Handlungen seiner Protagonisten mehr oder weniger glaubwürdig zu motivieren. Simpler Teil des Handwerks, sozusagen.
Und was seine Frömmigkeit betrifft, muss ich gestehen, je länger ich mich mit dem Alten beschäftige, desto weniger weiss ich, was ich auch in dieser Beziehung ernst nehmen soll. Seine frühen Opuscula im Stile Johann Peter Hebels atmen durchaus einen rational-aufgeklärten Geist. Für katholische Auftraggeber wischt er auch schon mal den Protestanten so nebenbei eines aus. Von seiner merkwürdigen Seelen(wanderungs)theorie mal ganz zu schweigen.
Wie weit ist diese Frömmigkeit also nicht einfach die Maske des Überängstlich-Angepassten ex-Sträflings? Eine Maske, die - das mag sogar sein - dem Träger zum Schluss sogar angewachsen ist.
Grüsse
Sandhofer
Meine ersten Karl-May-Bücher durfte ich ja nur lesen, weil der Lehrer meiner Mutter versicherte, May sei ein frommer und guter Mann gewesen. Da er selber fromm und gar Mitglied einer Sekte war (man frage mich aber jetzt nicht mehr, welcher!), galt sein Wort diesbezüglich etwas.
Ich muss allerdings gestehen, dass letzten Endes sowohl des Lehrers Bekehrungsversuche wie Karl Mays Frömmigkeit an mir abprallten. Ich hatte wohl schon als Neun- oder Zehnjähriger so etwas wie eine natürliche Imprägnierung gegen übertriebenes frommes Gehabe.
Nun scheint es allerdings modern zu werden, Karl May als den frommen Psychologen zu interpretieren. Beides will mir nicht einleuchten. "Psychologe" im Sinne eines, der seelisch-geistige Phänomene aufgrund einer logisch-wissenschaftlichen Klassifikation erfasst und beschreibt, war May sicher nicht. Was gemeinhin als "psychologisch" in seinen Schriften bezeichnet wird, ist nichts anderes als die jedem Romancier zuzuschreibende Eigenschaft, die Handlungen seiner Protagonisten mehr oder weniger glaubwürdig zu motivieren. Simpler Teil des Handwerks, sozusagen.
Und was seine Frömmigkeit betrifft, muss ich gestehen, je länger ich mich mit dem Alten beschäftige, desto weniger weiss ich, was ich auch in dieser Beziehung ernst nehmen soll. Seine frühen Opuscula im Stile Johann Peter Hebels atmen durchaus einen rational-aufgeklärten Geist. Für katholische Auftraggeber wischt er auch schon mal den Protestanten so nebenbei eines aus. Von seiner merkwürdigen Seelen(wanderungs)theorie mal ganz zu schweigen.
Wie weit ist diese Frömmigkeit also nicht einfach die Maske des Überängstlich-Angepassten ex-Sträflings? Eine Maske, die - das mag sogar sein - dem Träger zum Schluss sogar angewachsen ist.
Grüsse
Sandhofer