Gerd Ueding hat Klassiker befragt
Verfasst: 18. Feb 2006, 19:49
Vielleicht von Interesse?
Dieser Artikel ist heute in "Die Welt" erschienen. Auch zwei von Mays "Entführungen" aus den Orient-Reiseerzählungen werden erwähnt.
Entführung, leicht gemacht
von Gert Ueding
Verführen und Entführen hängen etymologisch eng zusammen, beide Verben sind, wie man im Grimmschen Wörterbuch nachlesen kann, Übersetzungen des lateinischen transferre oder seducere und bedeuten: an einen anderen, an den falschen Ort bringen. Der Zusammenhang ist auch in vielen, vielleicht den meisten Entführungsgeschichten der Weltliteratur aufbewahrt. Wen Zeus entführt, ob die Königstochter Europa von Tyros nach Kreta, oder den Prinzen Ganymed auf den Olymp - die Entführung an den "falschen" Ort ist jedesmal das Ziel der Verführung, und die mythischen Geschichten erinnern tatsächlich an Volkssitten und religiös oftmals sanktionierte Gebräuche aus frühgeschichtlicher Zeit.
Zeus machte den Anfang
Der Vorrang von Geschlecht und Familie vor den Bedürfnissen des Einzelnen, die Unterordnung unter alle Erfordernisse, die das Überleben des Stammes sichern, schließlich der Frauenraub zum Zwecke der Heirat, das sind wohl die ursprünglichen sozialen Motive, die sich im Mythos widerspiegeln. Ihre Spuren finden sich oftmals an überraschender Stelle wieder. Etwa in Lessings Drama "Emilia Galotti", dessen Hauptstoßrichtung zwar die feudale Mätressenwirtschaft ist, doch auch noch sehr viel ältere Schichten zur Sprache kommen läßt; vor allem in jener berühmten Szene, in der Emilia ihren Vater um den Dolch bittet, um sich durch Selbstmord der drohenden Gefahr zu entziehen: "Was Gewalt heißt, ist nichts. Verführung ist die wahre Gewalt. - Ich habe Blut, mein Vater; so jugendliches, so warmes Blut, als eine... Ich stehe für nichts... Ich kenne das Haus der Grimaldi. Es ist das Haus der Freude."
Beinah hundert Jahre später können wir diese frühen Spuren sogar an ganz anderer, verwunderlicher Stelle wiederaufnehmen, in Coopers Roman "Der rote Freibeuter". Eine reiche Erbin samt ihrer alten Erzieherin sind dem Korsaren in die Hände gefallen, und die Reize des jungen Mädchens bewegen den Freibeuter sogar zu "tiefster Huldigung". Als ihnen unvermutet die Freiheit winkt, erklärt die Gouvernante: "Unser Geschlecht kann nur unter dem Schutz der Gesetze wahre Sicherheit finden."
Der Abenteuerroman trat auch in diesem Punkt die Erbschaft des alten Heldenepos' an, in welchem Entführung und Verführung spätestens seit Paris und Helena eng miteinander verquickt waren. Cooper bietet auch sonst die beredsten Beispiele. Unvergessen die dramatische Szene, als die Schwestern Cora und Alice mitsamt ihrem Beschützer in die Hände der Huronen fallen, deren Häuptling ihnen die Freiheit zurückgeben will - um den Preis, "daß ich ihm in die Wildnis folge, mit ihm zu den Behausungen der Huronen gehe und dort bleibe: kurz, daß ich sein Weib werde." Es versteht sich, daß die übrigen Gefangenen entsetzt abwehren: "Der Gedanke schon ist schrecklicher als tausendfacher Tod!" Natürlich kommt Rettung, bevor die unselige Alternative ernst wird. Christlich-puritanische Moral setzt die Grenzen und wie das Mittelalter seine Heiligen Jungfrauen durch Tod oder Entrückung dem Zugriff heidnischer Wollust entzog, so taucht im Abenteuerroman rechtzeitig stets ein Ritter oder später ein bürgerlicher Held auf, um das Schlimmste zu verhüten.
So unvergeßlich wie die Rettung Coras und ihrer Begleiter durch Lederstrumpf und die beiden "Letzten der Mohikaner" ist natürlich die Befreiung Senitzas aus dem Harem Abrahim-Mamurs, wohin ein schurkischer Armenier sie verschleppt hat, so schildert es Karl May in "Durch die Wüste". Auch hier gelingt die Rettung natürlich bevor Senitzas Unschuld ernstlich gefährdet ist. Aus der Perspektive der alten Heldenepen werden diese Entführungsgeschichten durchsichtig auf die Triebdramatik, die die christliche Moral erzeugt hat. Lessings Emilia ängstigte sich davor buchstäblich zu Tode.
Dieser Artikel ist heute in "Die Welt" erschienen. Auch zwei von Mays "Entführungen" aus den Orient-Reiseerzählungen werden erwähnt.
Entführung, leicht gemacht
von Gert Ueding
Verführen und Entführen hängen etymologisch eng zusammen, beide Verben sind, wie man im Grimmschen Wörterbuch nachlesen kann, Übersetzungen des lateinischen transferre oder seducere und bedeuten: an einen anderen, an den falschen Ort bringen. Der Zusammenhang ist auch in vielen, vielleicht den meisten Entführungsgeschichten der Weltliteratur aufbewahrt. Wen Zeus entführt, ob die Königstochter Europa von Tyros nach Kreta, oder den Prinzen Ganymed auf den Olymp - die Entführung an den "falschen" Ort ist jedesmal das Ziel der Verführung, und die mythischen Geschichten erinnern tatsächlich an Volkssitten und religiös oftmals sanktionierte Gebräuche aus frühgeschichtlicher Zeit.
Zeus machte den Anfang
Der Vorrang von Geschlecht und Familie vor den Bedürfnissen des Einzelnen, die Unterordnung unter alle Erfordernisse, die das Überleben des Stammes sichern, schließlich der Frauenraub zum Zwecke der Heirat, das sind wohl die ursprünglichen sozialen Motive, die sich im Mythos widerspiegeln. Ihre Spuren finden sich oftmals an überraschender Stelle wieder. Etwa in Lessings Drama "Emilia Galotti", dessen Hauptstoßrichtung zwar die feudale Mätressenwirtschaft ist, doch auch noch sehr viel ältere Schichten zur Sprache kommen läßt; vor allem in jener berühmten Szene, in der Emilia ihren Vater um den Dolch bittet, um sich durch Selbstmord der drohenden Gefahr zu entziehen: "Was Gewalt heißt, ist nichts. Verführung ist die wahre Gewalt. - Ich habe Blut, mein Vater; so jugendliches, so warmes Blut, als eine... Ich stehe für nichts... Ich kenne das Haus der Grimaldi. Es ist das Haus der Freude."
Beinah hundert Jahre später können wir diese frühen Spuren sogar an ganz anderer, verwunderlicher Stelle wiederaufnehmen, in Coopers Roman "Der rote Freibeuter". Eine reiche Erbin samt ihrer alten Erzieherin sind dem Korsaren in die Hände gefallen, und die Reize des jungen Mädchens bewegen den Freibeuter sogar zu "tiefster Huldigung". Als ihnen unvermutet die Freiheit winkt, erklärt die Gouvernante: "Unser Geschlecht kann nur unter dem Schutz der Gesetze wahre Sicherheit finden."
Der Abenteuerroman trat auch in diesem Punkt die Erbschaft des alten Heldenepos' an, in welchem Entführung und Verführung spätestens seit Paris und Helena eng miteinander verquickt waren. Cooper bietet auch sonst die beredsten Beispiele. Unvergessen die dramatische Szene, als die Schwestern Cora und Alice mitsamt ihrem Beschützer in die Hände der Huronen fallen, deren Häuptling ihnen die Freiheit zurückgeben will - um den Preis, "daß ich ihm in die Wildnis folge, mit ihm zu den Behausungen der Huronen gehe und dort bleibe: kurz, daß ich sein Weib werde." Es versteht sich, daß die übrigen Gefangenen entsetzt abwehren: "Der Gedanke schon ist schrecklicher als tausendfacher Tod!" Natürlich kommt Rettung, bevor die unselige Alternative ernst wird. Christlich-puritanische Moral setzt die Grenzen und wie das Mittelalter seine Heiligen Jungfrauen durch Tod oder Entrückung dem Zugriff heidnischer Wollust entzog, so taucht im Abenteuerroman rechtzeitig stets ein Ritter oder später ein bürgerlicher Held auf, um das Schlimmste zu verhüten.
So unvergeßlich wie die Rettung Coras und ihrer Begleiter durch Lederstrumpf und die beiden "Letzten der Mohikaner" ist natürlich die Befreiung Senitzas aus dem Harem Abrahim-Mamurs, wohin ein schurkischer Armenier sie verschleppt hat, so schildert es Karl May in "Durch die Wüste". Auch hier gelingt die Rettung natürlich bevor Senitzas Unschuld ernstlich gefährdet ist. Aus der Perspektive der alten Heldenepen werden diese Entführungsgeschichten durchsichtig auf die Triebdramatik, die die christliche Moral erzeugt hat. Lessings Emilia ängstigte sich davor buchstäblich zu Tode.