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Was haltet.....
Verfasst: 22. Nov 2008, 16:43
von guenni
Re: Was haltet.....
Verfasst: 22. Nov 2008, 17:30
von Rüdiger
Hm ...
es gibt offenbar mindestens tausendundeine Art, Karl-May-Texte auseinanderzufizzeln oder -klamüsern. Das war jetzt eine von denen, die mir persönlich nicht so liegt.
Zur auseinandergenommenen Szenerie: es ist doch im Leben auch so, daß sich alles immer mischt und alles fließt, mal ist man eher bescheiden und zurückhaltend, mal weniger, mal beschönigt man ein wenig, mal ist die ungeschminkte Wahrheit angesagt, mal Höflichkeit, mal Härte. Usw. usf. Wenn man da jedesmal seitenlang rauf und runter drüber nachdenken würde, hätte man viel zu tun ...
Ich habe überhaupt nichts gegen Reflektieren und bewußtes Analysieren, im Gegenteil, aber in dem Fall erscheint es mir a.) nicht nötig (die ganze Szene versteht man doch intuitiv ohne jede Erkärung) und b.) recht konstruiert.
Re: Was haltet.....
Verfasst: 22. Nov 2008, 20:29
von markus
Meine Meinung zu dem Text änderte sich ständig beim lesen. Der Anfang war schlecht, zur Mitte hin wurds besser (ich dachte noch, aha, der Verfasser meint es sicher ironisch oder so in etwa) und zum guten Schluß wurds wieder schlechter (brutaler Schläger:-o).
Das wirklich einzige was gut erkannt wurde, war die Stelle, als aus dem noch namenlosen Ich-Erzähler, Old Shatterhand wurde. Die habe ich nämlich auch noch gut in Erinnerung. Aber nicht so kalt und technisch wie K.H.Remy sie beschrieben hat, sondern mit viel Wärme und Herz, wie man es bei Karl May meist gewohnt ist;-)).
Gruß
Re: Was haltet.....
Verfasst: 22. Nov 2008, 21:10
von giesbert
Ich finde die Analyse ziemlich gelungen; sehr einleuchtend und erhellend.
Re: Was haltet.....
Verfasst: 22. Nov 2008, 21:16
von Rüdiger
markus hat geschrieben:
nicht so kalt und technisch [...]
sondern mit viel Wärme und Herz, wie man es bei Karl May meist gewohnt ist
So ist es. - Aber wer dafür keine Ader und kein Empfinden hat, hat es halt nicht.
Die Leut' sollen doch was anderes lesen.
(Unschuldig guck', Pfeif', Flöt' ...)
;-]
Re: Was haltet.....
Verfasst: 22. Nov 2008, 21:49
von Rüdiger
Also, ich hab’ mir das Ding jetzt noch mal angeguckt (bzw.: den Anfang) und festgestellt, daß für mein Empfinden nahezu jeder Satz der „Analyse“ falsch ist.
>>> penetrant scheinheilige Bescheidenheit
Nein. Gelegentlich ist er ja bekanntlich alles andere als das. Alles zu seiner Zeit. Hier ist er noch [scheinbar] „Greenhorn“ und weiß, was angemessen und was nicht angemessen ist. Daher gibt er sich, unter anderem aus taktischen Gründen, zurückhaltend und bescheiden. Und weil er die Wesenseigenschaften seiner Mitmenschen als gegeben hinnimmt und sich sagt, mögen sie sein wie sie wollen, ich bin anders und mache das Beste draus. Ich werde sie nicht ändern, aber kann meinerseits für die Sache das tun, was in meinen Kräften steht.
>>> Aber es folgt sofort die Bestätigung der Stabilität 'Dagegen hatte ich nichts einzuwenden'.
Das hat nichts mit Bestätigung der Stabilität zu tun. Er weiß, daß die Situation verkorkst ist, und es mit Armleuchtern und Halunken, mit Menschen halt, zu tun zu haben, will aber, siehe oben, das Beste draus machen, so gut es eben geht. Eine sehr angemessene Haltung.
>>> Alles ist also in bester Ordnung, Charly hat alles vollständig unter Kontrolle, möglicher Konfliktstoff ist nicht auszumachen
Nein, es ist überhaupt nichts in bester Ordnung. Ich frage mich gerade wo irgendwo im Gesamtwerk Karl Mays alles in bester Ordnung ist, diese Empfindung hat unser Autor wirklich relativ selten. Und der Konfliktstoff liegt (ebenfalls wie immer oder meistens) latent in der Luft, aber man kann halt gucken, einigermaßen durchzukommen.
>>> Er übernimmt als Autorität die Rolle der Identifikationsfigur für den Leser.
Nein. Meinetwegen ist Mr. White so etwas wie eine Art kleiner lieber Gott oder großer Bruder oder Onkel, der’s schon richten wird (daß es den nicht gibt wissen wir), aber keine Identifikationsfigur für den Leser. Es sei denn der neigt zu Altklugheit und Selbstgefälligkeit.
>>> versucht unser Nochnicht-Held die Tatsachen zu leugnen.
Nein, er stellt es etwas beschönigt da, um den Konflikt niedrig zu halten und keine hinderlichen Emotionen hochzuschüren. Außerdem weil er fair ist und sich sagt, die sind halt so, was soll’s.
Das soll erstmal reichen, ich will noch Hemden bügeln und ein bisschen Phoenix gucken. Muß man sich denn den Samstagabend mit Gegenanalysen, bzw., wie die Schlaubergersfraktion es sehen wird, mit Amateur-Psychogesülze und Bauch-Geschwurbel um die Ohren schlagen.
;-)
Noch mehr Gesülze und Geschwurbel zu Karl Mays Gesamtwerk:
www.charlymay.npage.de
Re: Was haltet.....
Verfasst: 22. Nov 2008, 21:58
von markus
giesbert hat geschrieben:Ich finde die Analyse ziemlich gelungen; sehr einleuchtend und erhellend.
Früher im Physikuntericht ga(b)s bessere Analysen, als ein glühendes Streichholz in eine Flasche mit purem Sauerstoff gegeben wurde. Sehr erhellend;-))
Rüdiger hat geschrieben:Aber wer dafür keine Ader und kein Empfinden hat, hat es halt nicht.
Die Leut' sollen doch was anderes lesen.
Seh ich auch so. Doch andererseits könnte ich auch, wenn ich wollte, Karl May so zerreissen, daß dieser K.H.Remy wie ein Waisenknabe aussieht.
Man findet immer wenn man wirklich will und es drauf anlegt an allem was aussusetzen und zu nörgeln. Man kann auch ein Sieg in der Bundesliga schlecht und die Niederlage der eigenen Manschaft gut reden (so wie es eigentlich Woche für Woche geschieht).
Ich bin großer Fan der Beatles und Queen (der Gruppe, nicht der alten Dame aus England;-)), habe nahezu alle Alben der beiden Gruppen, aber ich würde nie auf die Idee kommen alles was die gemacht haben für gut zu heißen. Es gibt Platten und Songs der beiden Gruppen, die sind so graußlich, daß es wieder schön ist. Aber trotzdem muß man sie als Fan besitzen.
So ist es auch bei Karl May. Er hat privat und beruflich auch nicht immer alles richtig gemacht, wer hat das schon. Trotzdem muß ich auch alles von ihm haben (zumindest was die Texte angeht), das ist nunmal so wenn man jemanden verehrt und es zu seinem Hobby macht;-)). Auch wenn ich nicht jeden Text der von ihm stammt mit Begeisterung lese.
Der Text aus Winnetou I gehört für mich aber mit Sicherheit zum besseren was er geschrieben hat, auch die Stelle um die es hier geht. Es könnte gar keinen besseren Zeitpunkt geben um aus dem Ich-Erzähler metamorphosisch Old Shatterhand zu machen. Es klingt sehr überzeugend (Ich-Erzähler erst sehr abwartend, läßt vieles mit sich machen, will als echtes Greenhorn nicht gleich mit der Tür ins Haus fallen (sehr klug; findet man heute selten), eine kurze Szene bringt dann aber das Fass zum überlaufen, war vorherzusehen daß das kommt).
Und was Brutalo-Shatterhand angeht, der ja angeblich von nun an sich nur noch mit roher Gewalt Respekt verschafft, so muß ich sagen daß der Herr Remy wohl bisher nicht viel May gelesen hat, wenn dann nur Winnetou I und den auch nicht richtig. Er sollte sich mal den Orientzyklus zu Gemüte führen und mal zählen (wenn er es schon interessant fände zu erfahren, wie oft der Leser es mit ansehen muß wie Shatterhand seinen Faustschlag anwenden muß) wie oft sich Kara Ben Nemsi mit Worten Respekt verschafft und wie oft mit der Faust oder gar der Waffe. Ich glaube er käme zu einem für ihn erstaunlichem Ergebnis.
Re: Was haltet.....
Verfasst: 23. Nov 2008, 10:27
von Helmut
Ich hingegen, finde diese "Analyse", wenn man von einigen Spitzen (die verm. nur der Provakation wegen drinstehen) absieht, durchaus gelungen. Ich selber würde dem zwar nicht in allem beipflichten, doch in einigen Teilen. Wobei zugegebenermaßen der Schluß des Artikels (wohl auch zu den "Provokationen" zählend) doch schon sehr "daneben" ist. Sehr gut finde ich übrigens dies als "Gerichtsverhandlung" darzustellen, was ja bei May sehr, sehr häufig anzutreffen ist.
Jedenfalls ist dieser Artikel (auch in den Teilen, die nicht meinen Beifall finden) aussagekräftiger und klarer als manch anderes "Geschwafel", das man so in Büchern liest.
Helmut
Re: Was haltet.....
Verfasst: 23. Nov 2008, 11:25
von Rüdiger
White verkörpert eine Art moralische Instanz, da vermischen sich Dinge wie eine Art Schech el Beled von El Hadd im Wilden Westen und das, was man gemeinhin „Gewissen“ zu nennen pflegt, bekannt aus der Lenor-Werbung, die älteren werden sich erinnern. Also, sagen wir, eine Portion Mir von Dschinnistan, eine Portion „Gewissen“, und eine Portion im Unterbewusstsein herumgetragene Gerichtsverhandlungserinnerungen. Es wurden der Vereinfachung halber nur die drei Hauptabstrahierungsmöglichkeiten genannt, und das genaue Mischungsverhältnis vermag ich nicht anzugeben, ich schätze mal, um dem Bedürfnis nach Klassifizierungen und Zahlen entgegenzukommen, so um 37 – 29 – 34. Oder umgekehrt. Es fließt halt auch alles immer aus dem einen in das andere und aus dem anderen ins eine und hin und her und her und hin, oder auch, die Flicken auf den Teppichen erscheinen je nach Beleuchtung bald hier, bald dort. Doch eben wo Begriffe fehlen da stellt ein Wort zur rechten Zeit sich ein. Es lebe die Wissenschaft, die ist immerhin so schön aussagekräftig, auch wenn's manchmal schlichtweg dumm Tüch ist.
;-))
Re: Was haltet.....
Verfasst: 23. Nov 2008, 12:41
von giesbert
Helmut hat geschrieben:Sehr gut finde ich übrigens dies als "Gerichtsverhandlung" darzustellen, was ja bei May sehr, sehr häufig anzutreffen ist.
That's the point 8-) (der Rest - geschenkt. Kann man so sehen, muss man nicht. Obwohl ich dazu tendiere, Remy auch hier Recht zu geben).
Re: Was haltet.....
Verfasst: 23. Nov 2008, 16:21
von Hermesmeier
Rüdiger hat geschrieben:Es wurden der Vereinfachung halber nur die drei Hauptabstrahierungsmöglichkeiten genannt, und das genaue Mischungsverhältnis vermag ich nicht anzugeben, ich schätze mal, um dem Bedürfnis nach Klassifizierungen und Zahlen entgegenzukommen, so um 37 – 29 – 34. Oder umgekehrt.
Da fühle ich mich - sei es beabsichtigt oder nicht - an die unfreiwillige Satire eines gewissen Fritz Prüfer erinnert, der in seinen "Gleichlauferzählungen" auch versucht hat, Literaturwissenschaft und Arithmetik miteinander - ja was eigentlich? - zu versöhnen, zu vermengen, in Einklang zu bringen ...
Re: Was haltet.....
Verfasst: 23. Nov 2008, 17:26
von Rüdiger
Das mit den Zahlen war natürlich ein Scherz. Ich wollte eben, auch mit den daran anschließenden Sätzen, zeigen daß man solche Dinge eben schlecht in Zahlen wiedergeben kann, überhaupt kaum so recht eindeutig. Mir sind dann tagsüber nach Schech el Beled, Gewissen (bzw.: Bewusstsein) und Vorsitzendem Richter auch noch Vaterfigur und Verlegerwunschbild eingefallen für White, womit wir schon fünf abstrahierbare Haupt-Anteile hätten und die Zahlenverhältnisse eh neu verteilen müssten.
Re: Was haltet.....
Verfasst: 23. Nov 2008, 18:10
von Rüdiger
Und da hier nun so penetrant auf den vermeintlichen „Meriten“ dieser „Analyse“ herumgeritten wird, möchte ich doch meinerseits noch einmal in aller Deutlichkeit gegenhalten, daß ich völlig anderer Ansicht bin.
Da will einer eine Theorie beweisen, die er sich fein säuberlich zurechtgelegt hat, und verdreht entsprechend die Tatsachen. Möglicherweise nimmt er sie und die ganze Szene auch ganz falsch wahr.
Was Remy „ganz unverschämte Lüge“ nennt, ist Bescheidenheit, Höflichkeit und Fairness. Da ist nichts „scheinheilig“, geschweige denn „unangenehm scheinheilig“.
Wie einer auch nur das geringste Verständnisproblem damit hat, daß einer, der die Wahrheit weiß, diese auch zur Sprache gebracht haben will, erschließt sich mir nicht. Er (White) will die anderen mit der Wahrheit konfrontiert sehen, sowohl den, der sie aus gutem Grund beschönigen will (Shatterhand), als auch die, die dadurch geschont werden sollen. Darüber braucht man doch gar nicht sprechen, das ist doch klar.
Wo ist da irgendetwas „peinlichst missraten“ ? Die Dinge entwickeln sich in eine Richtung, die Shatterhand nicht wollte, das ist alles. Und vielleicht ist es gut so, daß sie sich gegen seinen Willen so entwickeln. Der „völlig unsinnige, aus der Handlung heraus überhaupt nicht zu verstehende Ablauf“ ist m.E. ganz glasklar, man bräuchte, wie gesagt, eigentlich kein Wort darüber zu verlieren.
Daß das Ganze etwas von einer Gerichtsverhandlung hat, ist zwar richtig, aber man kann nicht die ganze Angelegenheit ausschließlich darauf reduzieren, ohne zu diesem Zweck wesentliches zu verdrehen und zu verbiegen.
In Teil 2 steht eine massive Unwahrheit. Shatterhand hat es eben nicht gesagt, daß er allein die Arbeit gemacht habe, diese Wahrheit ist gegen sein Sträuben ans Tageslicht gekommen. Daß Bancroft Shatterhand mit Recht beschuldige und dieser lüge, ist schlicht und einfach falsch. Außerdem war in der ganzen Angelegenheit nichts verlogen und nichts scheinheilig, auch wenn das erneut gesagt wird, Unwahrheiten und Verdrehungen werden auch durch Wiederholungen nicht überzeugender.
Shatterhand hat Bancroft und die anderen wider besseres Wissen in Schutz genommen, und statt Dankbarkeit erntet er Vorwürfe, Unterstellungen und Aggression. Und da ist denn das Maß voll und es vorbei mit Toleranz und Nachsicht, und das ist auch gut so. Rattler kann froh sein daß es beim Schlag an die Schläfe bleibt (er wurde übrigens bevor es dazu kam noch einmal ausdrücklich gewarnt), das ist ein Außer-Gefecht-setzen ohne Folgen und damit eine noch verhältnismäßig milde Vorgehensweise. Der anschließende Tritt in die Magengegend nebst Schlag auf den Kopf bei einem anderen Angreifer ist Notwehr, beherzte Vorgehensweise mit kühlem Kopf, den „heillosen Auftritt“ haben die anderen hingelegt.
Wieder soviel Zeit vertan …
Re: Was haltet.....
Verfasst: 23. Nov 2008, 20:42
von markus
Rüdiger hat geschrieben:Wieder soviel Zeit vertan …
Mach dir nichts draus. Das ist ein Kampf gegen Windmühlen, aber trotzdem nicht vertan, so widersprüchlich das auch klingen mag;-)
Re: Was haltet.....
Verfasst: 23. Nov 2008, 22:27
von Helmut
Das ist eben (auch) ein Unterschied. Ich würde es z.B. nie als "vertane Zeit" bezeichnen, mich mit (Freunden wäre fast schon zuviel gesagt) alten (und auch neuen) Bekannten über echte oder vermutete (wie hier) Differenzen zu unterhalten. Es könnte ja zufällig auch sein, dass ich selbst noch was dazu lerne, oder vielleicht meine Meinungen und Ansichten etwas differenzierter sehe.
Helmut