guenni hat geschrieben: Auf ein Wort, Herr May! Sehr schön geschrieben beim lesen kann man nur zustimmend mit dem Kopf nicken.
Du gestattest, daß ich das anders sehe ...
Im zweiten Teil von "Winnetou II" trifft Old Shatterhand In der Prärie auf Harry, „der eine für sein Alter außerordentlich gewandte Umgangsform “ an den Tag legt. Der Knabe muster das Pferd des anderen „mit scharfem Kennerblicke“.
„Er verriet eine Kenntnis des Westens und eine Uebung in den hier notwendigen Fertigkeiten, daß ich wohl Ursache hatte, auf ganz besondere Verhältnisse zu schließen. Es war daher wohl kein Wunder zu nennen, daß mein Auge mit der lebhaftesten Aufmerksamkeit auf ihm ruhte.“
Darüberhinaus „zeigten seine eigenartigen Züge trotz ihrer noch jugendlichen Weichheit eine Festigkeit des Ausdruckes, welche auf frühzeitige Entwicklung des Geistes und kräftige Energie des Willens schließen ließ, und in der ganzen Haltung, in jeder einzelnen seiner Bewegungen sprach sich eine Selbständigkeit und Sicherheit aus, welche unbedingt verbot, das jugendliche Wesen als Kind zu behandeln, obgleich der Knabe nicht über sechzehn Jahre zählen konnte.
Ich mußte unwillkürlich an die Erzählungen denken, welche ich früher gelesen hatte, an Geschichten von der Kühnheit und Selbständigkeit, welche hier im ‚far west’ selbst Kindern zu eigen ist.“
Als er in New Venango von Forster beleidigt und von Harry (aufgrund dessen Fehleinschätzung einer Situation) als „Coyote“ bezeichnet wird, wird, lässt sich der Erzähler das zunächst gefallen, so „war es mir vielleicht möglich, Harry, für den ich mich zu interessieren begann, wieder zu sehen. Aus seinem Munde ließ ich die letzten Worte nicht als Beleidigung gelten.“
Von Forster auf seine vermeintliche Fehleinschätzung angesprochen, antwortet Harry „Ich bin in solcher Gesellschaft aufgewachsen, das weißt du ja, habe mein bisheriges Leben in den ‚dunklen Gründen’ verbracht und müßte den Vater nicht im geringsten lieb haben, wenn ich diese ‚Gesellschaft’ bloß um ihrer äußeren Erscheinung willen verachten könnte. Es gibt Männer unter ihr, denen gar mancher eurer noblen Gentlemen und stolzen Geldbarone an innerem Werte nicht gewachsen ist. Und übrigens ist ja heut von einer Täuschung keine Rede, denn ich sagte nur, daß er mir erst anders geschienen habe, und zwischen Vermutung und Behauptung pflege ich einen Unterschied zu machen.“
Old Firehand sagt später über Harry „Er haßt nichts mehr als Feigheit und hat Euch für mutlos gehalten.“
Als Harry eingesehen hat, daß er Old Shatterhand Unrecht getan hat, gibt er das unumwunden zu und sagt „Lassen wir Persönlichkeiten jetzt unberührt. Ihr habt mit der größten Gefahr für Euer eigenes Leben mir dasjenige meines Vaters an einem Abende zweimal erhalten; ich muß Euch danken und wenn Ihr noch so böse und abstoßende Worte sprecht. Ich erfuhr erst vorhin, was Ihr getan habt.“
In der Geschichte, auch in deren hier nun (aus Zeitgründen und just nachlassender Motivation …) nicht weiter zu besprechendem Verlauf, geht es darum, daß ein Mensch (Harry), einer, der seinen eigenen Kopf hat und ganz eigene Maßstäbe, der frühreif ist im guten Wortsinne von früh reif, der zwischenzeitlich aus [vermeintlich] gutem Grund sich misstrauisch und unnahbar zeigte und läppische gesellschaftliche Konventionen mit Recht verweigert, (in konstruktivem Sinne) „geknackt“ wird, und zwar einer, bei dem es sich lohnt. Mit Nullachtfünfzehndummköpfen und Allerweltsdutzenderscheinungen pflegte sich Karl May solche Mühe mit Recht nicht zu geben.
Wer in Zusammenhang mit Harry von „ungezogenem Benehmen“ und „spätpubertierendem Frischling“ spricht oder schreibt, und von „Einschleimen“ des Erzählers (auch wenn diese Formulierungen zum Teil im Forum standen und nicht im Artikel, ich erlaube mir mal, das so entstandene "Gesamtbild" zu betrachten ...), der hat in dieser Sache m.E. nichts, aber auch gar nichts verstanden.