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Re: Winnetou-Neuverfilmung 2016: Kritik zum Film
Verfasst: 17. Jan 2017, 11:30
von Nat Bumppo
Nun, nachdem ich die Filme je zweimal gesehen habe, möchte ich mich noch einmal kurz zu Wort melden.
Ich habe für meinen Teil zwei wirklich spannende, hervorragend gemachte Indianer-Western erlebt, die eine – meist gelungene – Synthese zwischen Realität und Mays Fiktionen versuchen. Den mittleren Film, „Das Geheimnis vom Silbersee”, schließe ich hier einmal aus, er ist ähnlich misslungen wie seinerzeit „Winnetou und sein Freund Old Firehand” und zudem miserabel geschrieben.
Eine große, bislang unbeantwortete Frage ist jedoch, ob es überhaupt möglich wäre, Karl Mays Wildwesterzählungen buchgetreu zu verfilmen. Bei den Orient- und den Südamerikageschichten wäre dies vorstellbar, doch kaum bei den Erzählungen aus den „Dark and bloody Grounds”. Nicht nur, dass die Figur Winnetous von einer geradezu halbgottähnlichen Aura umgeben sein müsste; all die skurril geschilderten Sidekicks wie der Hobble Frank, die Tante Droll, der dicke Jemmy und der lange Davy, sie alle wären kaum als die erfahrenen Westmänner vermittelbar, wie sie Karl May vorstellt. Auch würden Szenen, wie jene in denen Cornel Brinkley die Familie des Missouri-Blenter totprügeln lässt (und dies in einem speziell für die Jugend geschriebenen Buch) wohl ein Freigabe ab 16, wenn nicht ab 18 Jahren nach sich ziehen.
Unabhängig von all dem finde ich es aber bemerkenswert, dass hier im Forum zwar äußerst umfangreich und z.T. auch fundiert über Filme und deren Nähe zu den Romanen diskutiert wird, dass auf den Seiten über das Leben und das Werk des Autors Diskussionen aber eher tröpfchenweise dahindümpeln. Sind die Filme nach Mays Werken wirklich soviel interessanter als Mays Werk selbst? Dies fragt…
Euer Nat Bumppo
Re: Winnetou-Neuverfilmung 2016: Kritik zum Film
Verfasst: 17. Jan 2017, 11:50
von giesbert
Nat Bumppo hat geschrieben:all die skurril geschilderten Sidekicks wie der Hobble Frank, die Tante Droll, der dicke Jemmy und der lange Davy, sie alle wären kaum als die erfahrenen Westmänner vermittelbar, wie sie Karl May vorstellt.
Mal so nebenbei: das sind sie ja selbst in Mays Texten nicht. Sie werden zwar als erfahrene, ja berühmte Westmänner bzeichnet, aber kaum treffen sie mit Old Shatterhand zusammen, bauen sie doch nur Mist, stolpern unbeholfen durch die Gegend, machen haarsträubende Fehler und müssen ein ums andere Mal von OS gerettet werden. Da fragt man sich doch, wie diese "erfahrenen Westmänner" es geschafft haben, ohne OS zu überleben ;-).
Re: Winnetou-Neuverfilmung 2016: Kritik zum Film
Verfasst: 18. Jan 2017, 10:06
von Cinemascope
Genau das habe ich mir auch immer gedacht und ist einer der größten Fehler Karl Mays.
Und das hat auch zumindest die Abenteuer im Wilden Westen für mich immer unlesbar gemacht.
Re: Winnetou-Neuverfilmung 2016: Kritik zum Film
Verfasst: 18. Jan 2017, 10:24
von allwanderer
giesbert hat geschrieben:
Mal so nebenbei: das sind sie ja selbst in Mays Texten nicht. Sie werden zwar als erfahrene, ja berühmte Westmänner bzeichnet, aber kaum treffen sie mit Old Shatterhand zusammen, bauen sie doch nur Mist, stolpern unbeholfen durch die Gegend, machen haarsträubende Fehler und müssen ein ums andere Mal von OS gerettet werden. Da fragt man sich doch, wie diese "erfahrenen Westmänner" es geschafft haben, ohne OS zu überleben ;-).
Na ja, Old Shatterhand / Kara ben Nemsi ist eben der alle überragende Held und Anführer, dem sich die anderen, weniger omnipotenten Helden unterzuordnen haben. Und das ist auch gut so!
Was wären die KM-Bücher ohne diese Gestalten, die stets ins Fettnäpfchen treten oder die vielen menschlichen Fehler aufweisen? Ich würde sie nicht lesen wollen. Die Ausgewogenheit in seinen Werken zwischen Ernsthaftigkeit und Humor hat mich immer für KM eingenommen.-
Und Überleben ohne OS / KbN ist durchsus mòglich. Kommt halt auf die Abenteuer an.
Re: Winnetou-Neuverfilmung 2016: Kritik zum Film
Verfasst: 18. Jan 2017, 12:53
von giesbert
allwanderer hat geschrieben:Was wären die KM-Bücher ohne diese Gestalten, die stets ins Fettnäpfchen treten oder die vielen menschlichen Fehler aufweisen?
Natürlich sind diese Figuren erzählstrategisch wichtig, aber das ändert ja nicht daran, dass die Behauptung, das seien erfahrene und berühmte Westmänner innerhalb der Fiktion nicht wirklich plausibel ist. Andererseits, fällt mir da gerade ein, sind die Schurken ja auch nicht besonders helle, bei dem Niveau passt das dann vielleicht doch mit "erfahren & berühmt". (Man könnte fast auf die Idee kommen, dass der Westen ohne Old Shatterhand von lauter Naivlingen und Deppen bevölkert wird ;-)).
Re: Winnetou-Neuverfilmung 2016: Kritik zum Film
Verfasst: 18. Jan 2017, 13:18
von Rüdiger
So grob klischeehaft wie hier unverständlicherweise wiederholt geschildert ist es gottlob nicht ...
Vielleicht will May eine Erfahrung mitteilen; auf nichts und niemand ist wirklich Verlaß ...
Re: Winnetou-Neuverfilmung 2016: Kritik zum Film
Verfasst: 18. Jan 2017, 16:28
von Nat Bumppo
Bei allem Für und Wider bezüglich der Wildwest-Sidekicks ist es doch verblüffend, dass sich Kara Ben Nemsis Begleiter im Balkan bzw. Orient selten so amateurhaft anstellen, wie Jemmy, Davy oder Frank. Selbst Sam Hawkens mutiert mit dem Auftreten Old Shatterhands zum Schuljungen.
Dagegen sind Osko und Omar Ben Sadek ebenso zuverlässig wie der junge Ben Nil in der Mahdi-Trilogie. Zwar gibt es auch in den Orienterzählungen Figuren wie den langen Selim oder den Ungarn Istvan Uszkar (in der „Sklavenkarawane”), diese werden allerdings nie als erfahrene Helden vorgestellt. Selbst Sir David Lindsay verhält sich meist überlegter als seine amerikanischen Kollegen und über Hadschi Halef Omar, Karl Mays menschlichste Gestalt, könnte man sowieso ganze Bücher schreiben.
Diese unterschiedliche Schilderung der Begleiter des Helden im Orient bzw. in Amerika fiel mir schon als Kind auf.
Sollte dieses Thema hier weiter diskutiert werden, sollte es vielleicht in die Rubrik „Leben und Werk” verschoben werden.
Nat Bumppo
Re: Winnetou-Neuverfilmung 2016: Kritik zum Film
Verfasst: 18. Jan 2017, 17:26
von Joachim F.
giesbert hat geschrieben:
Mal so nebenbei: das sind sie ja selbst in Mays Texten nicht. Sie werden zwar als erfahrene, ja berühmte Westmänner bzeichnet, aber kaum treffen sie mit Old Shatterhand zusammen, bauen sie doch nur Mist, stolpern unbeholfen durch die Gegend, machen haarsträubende Fehler und müssen ein ums andere Mal von OS gerettet werden. Da fragt man sich doch, wie diese "erfahrenen Westmänner" es geschafft haben, ohne OS zu überleben ;-).
Mit solchen Fragen, die Mays Fantasiewelt mit dem wahren Wilden Westen vergleichen, scheitert man unwillkürlich. Das eine ist Fiktion und Märchen und das andere Realität. Das geht eben nicht zusammen.
Die alten KM-Filme haben diese Märchenwelt übernommen und manche Charaktere im Film waren sogar noch unrealistischer und für den Wilden Westen noch unbrauchbarer wie Hobble und Droll in den Romanen. Da stolpert Chris Howland als Korrespondent durch den Wilden Westen, wie er wohl beim ersten Zusammentreffen mit Indianern skalpiert worden wäre. Und Paddy Fox spielt einen Old Wabble, der ohne Old Surehand an seiner Seite, keinen Tag in der Wildnis überlebt hätte.
Karl May ist so unrealistisch wie Ian Flemming. Der potente OS muss seine Gefährten vor dem Marterpfahl bewahren und Bond muss gleich die ganze Welt retten. Wenn ich Bond und May lese/sehe, fahre ich den Realismusregler zurück auf Null. Und dann stellen sich mir solche Fragen nicht.
Re: Winnetou-Neuverfilmung 2016: Kritik zum Film
Verfasst: 18. Jan 2017, 17:29
von Joachim F.
Nat Bumppo hat geschrieben:Eine große, bislang unbeantwortete Frage ist jedoch, ob es überhaupt möglich wäre, Karl Mays Wildwesterzählungen buchgetreu zu verfilmen. Nicht nur, dass die Figur Winnetous von einer geradezu halbgottähnlichen Aura umgeben sein müsste; all die skurril geschilderten Sidekicks wie der Hobble Frank, die Tante Droll, der dicke Jemmy und der lange Davy, sie alle wären kaum als die erfahrenen Westmänner vermittelbar, wie sie Karl May vorstellt.
Das sehe ich überhaupt nicht so. Was Winnetou angeht, so hat wie Pierre Brice ihn dargestellt hat, sich bisher keiner über fehlende Aura beschwert. Und was die Darstellbarkeit der Gefährten angeht, verweise ich auf Sam Hawkens. In den Erstverfilmungen wird er sehr humorvoll von Ralf Wolter dargestellt, aber er kann auch trefflich schießen und ist ein echter Westmann. Man kann ihn selbstverständlich auch ernsthafter wie in der Neuverfilmung darstellen. Entsprechend funktioniert das genauso mit Tante Droll, Hobble Frank und all den anderer Gefährten. Ich sehe da nicht das geringste Problem.
Ich wüsste also nicht, weshalb man Karl May nicht nah am Original verfilmen könnte. Nehmen wir die Verfilmung von Winnetou I von 1963. Wenn es in dieser Verfilmung nur um Landvermessung statt Eisenbahnbau ginge und Sattler diesmal noch davonkäme, wo wäre dann der große Unterschied zur Romanvorlage?
Re: Winnetou-Neuverfilmung 2016: Kritik zum Film
Verfasst: 18. Jan 2017, 18:16
von Rüdiger
Joachim F. hat geschrieben:
Wenn ich Bond und May lese/sehe, fahre ich den Realismusregler zurück auf Null.
warum so schwarzweiß ... nur weil unrealistische Elemente vorhanden sind ... (um ein noch drastischeres Beispiel zu nennen, ich empfinde das, was zwischen Jim Knopf und Lukas zwischenmenschlich abgeht, zu großen Teilen als völlig real, auch wenn sie mit einer schwimmenden und fliegenden Lokomotive fahren ...)
Re: Winnetou-Neuverfilmung 2016: Kritik zum Film
Verfasst: 18. Jan 2017, 20:30
von Cinemascope
Die Indianer der vorerst oft feindlichen Stämme werden aber ebenso schon fast dümmlich dargestellt.
Die Häuptlinge in den Büchern, ausgenommen Winnetou, wirken auf mich nie wie kriegerische Häuptlinge, die Ihren Stamm erfolgreich geführt haben.
Das fällt insbesondere in den Zweikämpfen auf .
Da schneidet Tou-Wan, Schneller Panther oder Wokadeh in den Verfilmungen deutlich besser ab.
Re: Winnetou-Neuverfilmung 2016: Kritik zum Film
Verfasst: 19. Jan 2017, 12:13
von markus
Du hast mal wieder so recht Rüdiger. Wenn ich mir da so einige Kommentare durchlese, dann....ne lassen wir das.
Re: Winnetou-Neuverfilmung 2016: Kritik zum Film
Verfasst: 19. Jan 2017, 17:17
von giesbert
Joachim F. hat geschrieben:
Mit solchen Fragen, die Mays Fantasiewelt mit dem wahren Wilden Westen vergleichen, scheitert man unwillkürlich.
Schon klar - aber das tue ich auch nicht ;-). Es geht um Widersprüche innerhalb der Fiktion. Aber das gehört nicht hierher, vielleicht mach ich dazu mal einen eigen Strang auf.
Re: Winnetou-Neuverfilmung 2016: Kritik zum Film
Verfasst: 20. Jan 2017, 12:41
von mugwort
http://www.mdr.de/kultur/themen/mdr-kul ... zl100.html
Hier noch mal für Interessierte ein längeres Interview mit Stölzl - zu Film und Bühne. Dazu, warum in den neuen Filmen mehr Karl May ist als in den alten und was Winnetou und Shatterhand zu Helden macht (nein, nicht Omnipotenz, Silberbüchse und Bärentöter).
Re: Winnetou-Neuverfilmung 2016: Kritik zum Film
Verfasst: 21. Jan 2017, 03:01
von Joachim F.
Werte und Moral von Karl May betont Stölzls durchaus. Aber es reicht nicht bei einer Romanverfilmung nur die Gesinnung des Autors wiedergeben, sondern vor allem müssen Charaktere und Handlung wiedererkennbar sein. Gerade was W 1 und Silbersee anbelangt, sind die alten Filme erkennbar näher dran.
Die neuen Filme von Stölzl besitzen noch nicht mal so viel May, dass sie sich einen Karl-May-Titel überhängen können. Nach Urteil des Landesgerichtes Nürnberg-Fürth kann nicht mal von einer Verfilmung der Romanvorlagen gesprochen werden.
http://www.spiegel.de/kultur/tv/rtl-win ... -box-pager