Verfasst: 4. Nov 2006, 09:21
Aus den Aufzeichnungen von Kara Ben Halef:
Zunächst habe ich die traurige Pflicht, von dem zu berichten, wovon Kara Ben Nemsi bis zum Ende seines eigenen Lebens nichts berichtet, sich ausgeschwiegen hat. Er hat es versucht, sah sich aber dazu nicht in der Lage. Ich meine den Tod meines Vaters Hadschi Halef Omar.
Hadschi Halef starb durch die mörderische Kugel, nicht eines Feindes, bzw., wenn man so will, allenfalls eines inneren Feindes, seiner Lebensgier nämlich, seiner Lust an den einfachen, schönen Dingen. Aber ich möchte doch lieber statt von einem Feind von einem Freund sprechen, denn wie wir wissen, kann auch der Tod, Freund Hain, durchaus ein solcher sein.
Es war bei einem Festmahl, mein schon älterer Vater aß und trank wie eh und je, und da er längst zum Christentum übergetreten war, konnte er ohne Gewissensbisse seinem Schweinebraten und all dem frönen, wonach ihm sonst noch so war.
Die beiden riesigen Kartoffelklöße, die seine Bratenplatte säumten, sollten indes seine letzten sein. Hadschi Halef ist, mitten im Leben und im Genuß, an ihnen erstickt. Und so wollen wir nicht vergessen, dass kaum ein schönerer Tod für ihn vorstellbar gewesen wäre, und das lässt uns denn das folgende leichter ertragen.
Wir umstehenden eilten dem hilflos gestikulierenden, nach Luft ringenden sofort zu Hilfe. Aber es war zu spät. Wenn ein Leben vollendet ist, dann können wir nicht mehr eingreifen, dann ist die Stunde bestimmt.
Der Hadschi sank zurück und das Leben wich aus ihm. „Sihdi, mein Sihdi ...“, in die angegriffen wirkenden, doch noch immer irgendwie lustigen Augen brach etwas Fremdes, so nie gesehenes herein, „grüß mir … Hanneh“. Die Augen des Hadschi drückten jetzt eine Art Erschrecken aus, die Einsicht und sichere Erkenntnis, dass es diesmal kein Zurück mehr gebe, und dass dieser Weg kein leichter sei. Trennung, nach all diesen Jahrzehnten, vom geliebten Leben, von Frau und Freund, diesmal für immer, für diese Welt. Abschied.
Kara Ben Nemsi rührte sich nicht, sagte nichts, konnte nichts sagen. Ein leichtes, kaum wahrnehmbares Zittern vermeinten wir wahrzunehmen, ansonsten stand er versteinert, verkrampft, gelähmt. Sanft streckte der Hadschi noch einmal seine Hand aus, vielmehr, wollte dies tun, es blieb beim Ansatz der Bewegung, dann fiel sein Kopf zurück; es war vorbei.
Auf dem Teller neben dem Sofa lagen noch immer die Reste zweier überdimensionaler Kartoffelklöße, und Bratengeruch erfüllte den Raum. Es war völlig still, nur dieser Geruch war unignorierbar, bildete, gleichsam, den Schwerpunkt der sinnlichen Wahrnehmung. Als wolle Gott der Herr etwas wie die Andeutung eines Lächelns als eine Gnade in diesen Raum senden, auf dass seine Kinder den Schmerz aushielten, in dem sie wankten.
Niemand sagte etwas. Der Arzt beugte sich über den Toten und verließ wortlos und leise den Raum. Ich ging ihm nach. Kara Ben Nemsi blieb bei der Leiche zurück. Nie hat er über diesen Tag gesprochen, nie haben wir ihn befragt. Als wir Hadschi Halef zu Grabe trugen, hat er gelacht und geweint.
*
Auf einem Ehrenhügel steht ein schlichter Grabstein, und davor steht ein alter, grauer Mann, Kara Ben Nemsi Effendi, allein nun, still und stumm, und versetzt sich noch einmal zurück, in Jahre der Freundschaft, des Abenteuers, in Lachen und Weinen, Höhen und Tiefen, und er denkt vor allem an eines, das so nur der hingegangene Freund ihm gab und wofür ein Wort steht: Treue.
Auf den Grabstein hat man keine großen Worte gesetzt. Aber dort steht mehr, als tausend Worte zu sagen vermöchten, neben schlichten Zahlen nur ein Name:
Hadschi Halef Omar Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawuhd Al Gossarah.
Zunächst habe ich die traurige Pflicht, von dem zu berichten, wovon Kara Ben Nemsi bis zum Ende seines eigenen Lebens nichts berichtet, sich ausgeschwiegen hat. Er hat es versucht, sah sich aber dazu nicht in der Lage. Ich meine den Tod meines Vaters Hadschi Halef Omar.
Hadschi Halef starb durch die mörderische Kugel, nicht eines Feindes, bzw., wenn man so will, allenfalls eines inneren Feindes, seiner Lebensgier nämlich, seiner Lust an den einfachen, schönen Dingen. Aber ich möchte doch lieber statt von einem Feind von einem Freund sprechen, denn wie wir wissen, kann auch der Tod, Freund Hain, durchaus ein solcher sein.
Es war bei einem Festmahl, mein schon älterer Vater aß und trank wie eh und je, und da er längst zum Christentum übergetreten war, konnte er ohne Gewissensbisse seinem Schweinebraten und all dem frönen, wonach ihm sonst noch so war.
Die beiden riesigen Kartoffelklöße, die seine Bratenplatte säumten, sollten indes seine letzten sein. Hadschi Halef ist, mitten im Leben und im Genuß, an ihnen erstickt. Und so wollen wir nicht vergessen, dass kaum ein schönerer Tod für ihn vorstellbar gewesen wäre, und das lässt uns denn das folgende leichter ertragen.
Wir umstehenden eilten dem hilflos gestikulierenden, nach Luft ringenden sofort zu Hilfe. Aber es war zu spät. Wenn ein Leben vollendet ist, dann können wir nicht mehr eingreifen, dann ist die Stunde bestimmt.
Der Hadschi sank zurück und das Leben wich aus ihm. „Sihdi, mein Sihdi ...“, in die angegriffen wirkenden, doch noch immer irgendwie lustigen Augen brach etwas Fremdes, so nie gesehenes herein, „grüß mir … Hanneh“. Die Augen des Hadschi drückten jetzt eine Art Erschrecken aus, die Einsicht und sichere Erkenntnis, dass es diesmal kein Zurück mehr gebe, und dass dieser Weg kein leichter sei. Trennung, nach all diesen Jahrzehnten, vom geliebten Leben, von Frau und Freund, diesmal für immer, für diese Welt. Abschied.
Kara Ben Nemsi rührte sich nicht, sagte nichts, konnte nichts sagen. Ein leichtes, kaum wahrnehmbares Zittern vermeinten wir wahrzunehmen, ansonsten stand er versteinert, verkrampft, gelähmt. Sanft streckte der Hadschi noch einmal seine Hand aus, vielmehr, wollte dies tun, es blieb beim Ansatz der Bewegung, dann fiel sein Kopf zurück; es war vorbei.
Auf dem Teller neben dem Sofa lagen noch immer die Reste zweier überdimensionaler Kartoffelklöße, und Bratengeruch erfüllte den Raum. Es war völlig still, nur dieser Geruch war unignorierbar, bildete, gleichsam, den Schwerpunkt der sinnlichen Wahrnehmung. Als wolle Gott der Herr etwas wie die Andeutung eines Lächelns als eine Gnade in diesen Raum senden, auf dass seine Kinder den Schmerz aushielten, in dem sie wankten.
Niemand sagte etwas. Der Arzt beugte sich über den Toten und verließ wortlos und leise den Raum. Ich ging ihm nach. Kara Ben Nemsi blieb bei der Leiche zurück. Nie hat er über diesen Tag gesprochen, nie haben wir ihn befragt. Als wir Hadschi Halef zu Grabe trugen, hat er gelacht und geweint.
*
Auf einem Ehrenhügel steht ein schlichter Grabstein, und davor steht ein alter, grauer Mann, Kara Ben Nemsi Effendi, allein nun, still und stumm, und versetzt sich noch einmal zurück, in Jahre der Freundschaft, des Abenteuers, in Lachen und Weinen, Höhen und Tiefen, und er denkt vor allem an eines, das so nur der hingegangene Freund ihm gab und wofür ein Wort steht: Treue.
Auf den Grabstein hat man keine großen Worte gesetzt. Aber dort steht mehr, als tausend Worte zu sagen vermöchten, neben schlichten Zahlen nur ein Name:
Hadschi Halef Omar Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawuhd Al Gossarah.