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Re: Winnetou-Neuverfilmung 2016: Kritik zum Film
Verfasst: 10. Jan 2017, 17:28
von Helmut
Rüdiger hat geschrieben:... und über alledem nicht zu vergessen die Stärken des Films, ein anrührender, überzeugender, glaubwürdiger Old Shatterhand, ein ausgezeichneter Sam Hawkens, dito Bancroft, angemessener Realismus gegenüber der Spießer-Heile-Welt-Hochglanzästhetik der Vorgängerfilme, u.a. ... Licht und Schatten, wobei letzterer insgesamt leider überwiegt.
meiner Meinung nach spielte Möhring keinen Old Shatterhand, sondern einen (abgewandelten) Karl May, und der kommt (auch wieder nur nach meiner Meinung) in den Winnetou Büchern nicht vor (darüber lässt sich trefflich diskutieren aber vielleicht nicht hier), und die einzige Annäherung an die angebliche Idendität die Anrede "Scharlih" wurde auch noch im Film vermieden.
Helmut
Re: Winnetou-Neuverfilmung 2016: Kritik zum Film
Verfasst: 10. Jan 2017, 17:35
von Rüdiger
Wenn ich May lese lese ich auch immer May mit, er kommt vielleicht nicht vor aber er schmeckt durch ...
(dazu eine Prise Wohlgschaft: "Hat der Schriftsteller, in Kara Ben Nemsi, sein reales Ich völlig zugedeckt? Nicht immer, nicht in jeder Roman-Passage! Im Orientzyklus gibt es wichtige Stellen, in denen das erzählende 'Ich' mit dem wirklichen May tatsächlich verschmilzt: Die Begegnung Kara Ben Nemsis mit Marah Durimeh, der uralten Kurdenfrau, zwingt das 'Ich' zur Selbstoffenbarung. Unter dem Einfluß der schützenden Frau, der mütterlichen Gestalt, legt Kara Ben Nemsi seine Heldenrolle ab: "Er nennt sich einen 'Emir des Leidens, des Duldens und des Ringens' und bekennt die zentrale Not seines Lebens, die auch sein Schreiben bis zum Ende bewegte")
Re: Winnetou-Neuverfilmung 2016: Kritik zum Film
Verfasst: 10. Jan 2017, 18:04
von Helmut
Mir fehlt da einfach diese Art von Phantasie, um all das nachvollziehen zu können.
Nebenbei: Ich habe gerade heute den Bericht über "Ich? Ja Ich" über das letzjährige Symposium in Freiburg erhalten. Dort ist auch der Vortrag "Die unterschiedlichen Ich-Varianten bei Karl May" enthalten, der für dieses Thema empfehlenswert ist.
Helmut
Re: Winnetou-Neuverfilmung 2016: Kritik zum Film
Verfasst: 10. Jan 2017, 18:58
von Bärentöter
Wie hat sich Herr Becker bei einer KM-Veranstaltung zu den Filmen geäußert "SIE WERDEN WEINEN....SIE WERDEN WEINEN..."!!! Recht hatte er!
Re: Winnetou-Neuverfilmung 2016: Kritik zum Film
Verfasst: 10. Jan 2017, 19:07
von mugwort
Rüdiger hat geschrieben:Wenn ich May lese lese ich auch immer May mit, er kommt vielleicht nicht vor aber er schmeckt durch ...
(dazu eine Prise Wohlgschaft: "Hat der Schriftsteller, in Kara Ben Nemsi, sein reales Ich völlig zugedeckt? Nicht immer, nicht in jeder Roman-Passage! Im Orientzyklus gibt es wichtige Stellen, in denen das erzählende 'Ich' mit dem wirklichen May tatsächlich verschmilzt: Die Begegnung Kara Ben Nemsis mit Marah Durimeh, der uralten Kurdenfrau, zwingt das 'Ich' zur Selbstoffenbarung. Unter dem Einfluß der schützenden Frau, der mütterlichen Gestalt, legt Kara Ben Nemsi seine Heldenrolle ab: "Er nennt sich einen 'Emir des Leidens, des Duldens und des Ringens' und bekennt die zentrale Not seines Lebens, die auch sein Schreiben bis zum Ende bewegte")
Auf Facebook hätte ich jetzt "geliked". Stellen wie die zitierte gibt es viele.
Amr Rande: Ich höre gerade interessehalber ein etwas älteres Hörspiel zu "Old Surehand" (WDR, 1958, Regie von Kurt Meister). Old Shatterhand ist dort, ganz klassisch, der "harte" Superheld. Ich bin ganz befremdet - weil es nicht MEINE Lesart, nicht mein Verständnis des Mayschen Shatterhand ist. Mir ist der Möhring-Shatterhand sehr viel näher. Und wie auch beim Film: Da ist nicht das eine falsch, das andere richtig - es sind einfach verschiedene Arten der Wahrnehmung.
Re: Winnetou-Neuverfilmung 2016: Kritik zum Film
Verfasst: 10. Jan 2017, 19:10
von mugwort
Helmut hat geschrieben:Mir fehlt da einfach diese Art von Phantasie, um all das nachvollziehen zu können.
Nebenbei: Ich habe gerade heute den Bericht über "Ich? Ja Ich" über das letzjährige Symposium in Freiburg erhalten. Dort ist auch der Vortrag "Die unterschiedlichen Ich-Varianten bei Karl May" enthalten, der für dieses Thema empfehlenswert ist.
Helmut
Wo sind denn die Vorträge veröffentlicht? Würde mich interessieren...
Re: Winnetou-Neuverfilmung 2016: Kritik zum Film
Verfasst: 10. Jan 2017, 19:45
von Hermesmeier
Es ist das "Sonderheft der Karl-May-Gesellschaft Nr. 156", das mir auch gerade heute in den Briefkasten flatterte. Vermutlich war das jetzt erst die Aussendung an die Abonnenten der Reihe. Frau Müller-Haarmann wird vermutlich demnächst eine Bestell-Information über die Mailing-Liste der KMG verbreiten. Der Preis ist wohl auch noch gar nicht festgelegt.
Werde mich sogleich dran machen, den Titel auch auf unserer Freundeskreis-Website anzuzeigen.
Re: Winnetou-Neuverfilmung 2016: Kritik zum Film
Verfasst: 10. Jan 2017, 21:34
von allwanderer
Helmut hat geschrieben:
meiner Meinung nach spielte Möhring keinen Old Shatterhand, sondern einen (abgewandelten) Karl May, und der kommt (auch wieder nur nach meiner Meinung) in den Winnetou Büchern nicht vor (darüber lässt sich trefflich diskutieren aber vielleicht nicht hier), und die einzige Annäherung an die angebliche Idendität die Anrede "Scharlih" wurde auch noch im Film vermieden.
Helmut
Möhring vom Aussehen her zwar Karl May ähnlich, aber als Old Shatterhand "heldenhaft" wirkte er auf mich überhaupt nicht. Eher langweilig und zu greenhornlastig, jammervoll. Einige gute Szenen, aber nichts Berauschendes. Aber Filme und Darsteller sind eben Geschmacksache.
Re: Winnetou-Neuverfilmung 2016: Kritik zum Film
Verfasst: 10. Jan 2017, 22:10
von Rehkitz
Mich erstaunt ja, dass die Kritiken des Herrn Hermesmeier hier eher meinen Geschmack treffen als die Rüdigers ;o)
Und seltsam finde ich, dass die "Bücher zum Film" nicht nur von den May-Originalen abweichen, sondern auch von den Filmen. NIcht dass ich die gelesen hätte, aber so richtig überzeugend ist das Produkt nicht ;o)
Re: Winnetou-Neuverfilmung 2016: Kritik zum Film
Verfasst: 11. Jan 2017, 11:49
von Helmut
Rüdiger hat geschrieben:Wenn ich May lese lese ich auch immer May mit, er kommt vielleicht nicht vor aber er schmeckt durch ...
(dazu eine Prise Wohlgschaft: "Hat der Schriftsteller, in Kara Ben Nemsi, sein reales Ich völlig zugedeckt? Nicht immer, nicht in jeder Roman-Passage! Im Orientzyklus gibt es wichtige Stellen, in denen das erzählende 'Ich' mit dem wirklichen May tatsächlich verschmilzt: Die Begegnung Kara Ben Nemsis mit Marah Durimeh, der uralten Kurdenfrau, zwingt das 'Ich' zur Selbstoffenbarung. Unter dem Einfluß der schützenden Frau, der mütterlichen Gestalt, legt Kara Ben Nemsi seine Heldenrolle ab: "Er nennt sich einen 'Emir des Leidens, des Duldens und des Ringens' und bekennt die zentrale Not seines Lebens, die auch sein Schreiben bis zum Ende bewegte")
Ganz gewiss gibt es da Stellen genug in seinen Büchern, in denen May's eigenes "Ich" zum Vorschein kommt; allerdings ist meiner Meinung nach "Winnetou I", das eigentlich besser "Old Shatterhand" heißen sollte, die Entwicklungsgeschichte eines Hauslehrers der zum Westmann (und zwar zum besten aller Westmänner) wird, auf keinen Fall die Geschichte Mays.
Helmut
Re: Winnetou-Neuverfilmung 2016: Kritik zum Film
Verfasst: 12. Jan 2017, 22:20
von uri
Ich habe mir lange überlegt, ob ich mich an diesem Forum beteiligen soll. Ich habe die heißen Diskussionen von Anfang verfolgt und möchte mich jetzt doch mal dazu äußern.
Grundsätzlich ist/war es doch super, dass sich endlich mal wieder jemand des Winnetoustoffes mit Enthusiasmus und auch einem größeren finanziellen Wagnis angenommen hat. Wie lange haben wir darauf gewartet, dass unsere Helden der 60er Jahre endlich ins 21. Jahrhundert transportiert werden. Wer dabei aber ständig Pierre und Lex vor Augen hatte und den neuen Schauspielern keine Chance gab von Anfang an, klar der hatte mit den Neuverfilmungen keine Freude. Aber Leute, sind wir Fans so was von gestrig ? Sind die KM-Filme der 60er Jahre Heilige Kühe? Ist Martin Böttchers Musik ein für alle mal die Musik für künftige KM-Filme?
Sind wir doch mal ehrlich: diese 3 Filme von RTL - der mittlere Teil vielleicht ausgenommen - waren doch um Klassen besser als die Pseudo-Winnetou-TV-Serie mit Siegfried Rauch und Pierre. An "Winnetous Rückkehr" will ich gar nicht denken, was das für ein Schrott war. Aber klar: Pierre ist und war unser Idol und Idolen verzeiht man (blind ?) auch solche Fehlgriffe. Was klar ist: an den Erfolg der KM-Filme der 60er Jahre wird eine Neuverfilmung nie anknüpfen können. Aber das waren doch ganz andere Zeiten. Die Film- und TV-Landschaft hat sich doch derart verändert, dass man heute über die KM-Filme der 60er lächelt. Fragt doch mal Leute, die nicht so vom Winnetouvirus infiziert sind wie wir, wie denen die RTL-Filme gefallen haben.
Da waren sehr viele dabei, die gesagt haben, dass die ihnen sehr gut gefallen haben. Ich fand die Inszenierung auch sehr gelungen und finde es einfach nicht ganz fair von "eingefleischten" - ich will nicht sagen "verbohrten" Fans und "Sprachrohren" geschrieben wird und die RTL-Filme regelrecht in der Luft zerrissen werden. Wie da alles, was Herr Stölzl und auch Komponist Heiko Maile gemacht haben "Scheiße" ist.
Hey Leute! Wo lebt ihr denn? Wir schreiben das Jahr 2017! Der Schatz im Silbersee ist jetzt 55 Jahre alt!!!
Ich sammle auch seit inzwischen 43 Jahren alles über KM, Winnetou etc. - bin also auch "vom alten Eisen", aber man muss doch auch mal einen Neustart zulassen. Ich verstand damals auch Pierre nicht, als er sich so über Bully Herbig aufgeregt hat ? Aber man kann doch nur eine Persiflage machen über etwas, das man gerne hat. Darum hat das auch so gut funktioniert.
Jetzt hat Herr Stölzl einen ernsthaften Versuch einer Neuverfilmung gemacht und ich finde er hat seine Sache sehr gut gemacht.
Wenn ich dann im Forum zum Thema "Making of der Filme" weiterlese, dass da über Special-Effects diskutiert wird - ob die auch richtig eingesetzt wurden etc. - muss ich mich halt auch wieder fragen - in welchem Jahr leben wir? Habt ihr alle "Avatar", "Star Wars", "Interstellar" und etwa "Gladiator" verpasst ? Was wären diese Filme ohne die Special Effects und leider sieht es halt in der kroatischen Prärie auch nicht mehr überall so aus wie 1962. Damals haten die Filme schon 4 Mio. DM gekostet. Wenn die Leute von RTL jetzt auch noch alles real bauen hätten müssen, hätte das Budget sicher 20 MIO Euro oder mehr betragen. Also warum nicht Special Effects einsetzen. Aber nicht des Effektes wegen - sondern der Sache.
Wäre uns "Naturverbundenen Indianern" lieber gewesen wäre, dass die vor Ort eine Brücke im Original aufgebaut hätten und dann die Natur durch unzählige zerstörte Bäume verunstaltet worden wäre. Ich glaube das soll keine Diskussion sein.
Dann noch ein Wort zur Filmmusik: auch hier wird die Musik von Heiko Maile vielfach total verrissen. Aber hört doch mal richtig rein in die CD.
Wie oft hört ihr eine kleine, wunderbar eingestreute Sequenz von Martin Böttchers Themen. Für mich hat sich Herr Maile sogar vor Martins Musik verbeugt und die mit Respekt behandelt. Schaut doch mal in eure CD-Schränke und ? Wieviel Schrottversionen von irgendwelchen Künstlern von der Old Shatterhand-Melodie stehen da? Ist da (ich gebe auch zu: nicht alles ist gelungen) die Neuinterpretation von Heiko Maile nicht um einiges besser gelungen als manche Diskoversion oder Technoversion?
Aber wie gesagt: man darf nicht von vornherein die Scheuklappen aufstellen und alles Neue gleich verdammen.
Zu den Darstellern: ich fand Wotan als Karl May= OLd Shatterhand ideal besetzt und auch Nik hatte seine Rolle als Winnetou sehr gut gemacht. Auch die Darsteller von Nscho Tschi und Sam Hawkens fand ich sehr gut. Ich glaube keiner von denen wusste auf was sie sich da eingelassen hatten. Man darf Pierre und Lex einfach nicht mit Wotan und Nik vergleichen - da liegen auch wieder 55 Jahre dazwischen.
Genial war - wenn ihr euch das mal überlegt - bei den RTL-Filmen die Idee, dass man von Anfang an dabei war, wie Karl May in die USA kam und er dann erst nach und nach zu Old Shatterhand wurde.
Da wird einem aber auch klar, wie genial in den 60er Jahren die Idee von Horst Wendlandt war die KM-Filme nicht mit "Winnetou 1" sondern mit "Der Schatz im Silbersee" zu starten: Lex Barker wurde bereits als Old Shatterhand eingeführt. Erst im 2. Film wurde erklärt, wie er zu Old Shatterhand wurde. Da war er schon längst in den Köpfen der Fans Old Shatterhand. Wer weiß, ob damals der Shitstorm auch so groß gewesen wäre, denn wie Karl May sieht/sah Lex nie aus.
Also liebe Fans - seid doch nicht immer so verbohrt und gebt dem Neuen auch eine Chance!
Freuen wir uns dann auf Bullys neuen Film mit - Abahachi - oder ist da der nächste Shitstorm schon vorprogrammiert ??? .....
So, das wars jetzt von mir - das musste ich einfach los werden
Re: Winnetou-Neuverfilmung 2016: Kritik zum Film
Verfasst: 13. Jan 2017, 08:34
von OmasEnkel
Gestern habe ich Teil 1 mit zwei Freunden angesehen und obwohl sie die alten Filme lieben, waren sie vom neuen Film regelrecht begeistert.
Ich für meinen Teil habe überrascht festgestellt dass der Film bei wiederholter Sichtung sogar gewachsen ist und finde ihn nun noch besser als beim ersten mal.
Die Filmmusik hatte ich auf Amazon nach dem ersten Ansehen vollständig zerrissen und geschrieben, dass der Komponist Heiko Maile, die Quintessenz von Martin Böttchers Musik nicht verstanden hätte. Hier habe ich mich vollständig geirrt. Ich bin nun wirklich verwundert, dass ich nach wiederholten Ansicht nicht mehr der Meinung bin und die Amazon Rezesion vermutlich abändern werde.
Da steckt wesentlich mehr Martin Böttcher drin, als ich zuerst wahrgenommen habe, bzw. wahrnehmen wollte.
Maile lehnt sich auch in so vielen leisen Soundtrack Passagen an Böttchers Musik an, was eigentlich unschwer an den Harmonien und Kompositionen zu erkennen ist, allerdings instrumentiert er weniger flächig und wandelt die Melodien immer wieder eigenständig ab und das alles auf einem derart hohen Niveau, daß ich meine erste Meinung wirklich
zurücknehmen muß. Heiko Maile hat hier etwas vollkommen eigenständiges geschaffen aber der Kenner müßte erkennen, dass die Musik jederzeit den Geist von Martin Böttcher atmet.So kann man sich täuschen.
Pierre Brice und Nik Xelilaj sind zwei vollkommen unterschiedliche Interpretationen des Winnetou aber Xelilaj heimst auf seine ganz eigene Weise genauso Symphatien beim Zuschauer ein und liefert eine brilliante Leistung ab.
Bei der dritten Sichtung wurde mir nun auch erst bewusst, dass der erste Teil verdammt viel Atmosphäre besitzt und diese speziell in den Indianerlagerszenen mit Ihren Tänzen und Kriegsgesängen zu spüren ist.
Egal wie einem der erste Film gefällt aber man kann hier wirklich nicht bestreiten, dass der erste Teil unglaublich liebevoll gemacht und auf einem sehr hohen Niveau inszeniert wurde.
Das einzige Problem des Films ist, dass es ihn eigentlich gar nicht geben dürfte und er gegen einen echten Mythos ankämpfen muß.
Gefallen hat mir der Film von Anfang an aber den wahren Wert für mich, habe ich erst jetzt entdeckt.
Ich sage Euch, der Film wächst.
10/10
Re: Winnetou-Neuverfilmung 2016: Kritik zum Film
Verfasst: 13. Jan 2017, 15:12
von Bärentöter
Für mich nicht! Lustigerweise aber hat RTL ohne es zu wissen ein Remake von unserem Film "Winnetou und der Schatz der Marikopas" mit ihrer "Silbersee-Version" hingelegt!
Re: Winnetou-Neuverfilmung 2016: Kritik zum Film
Verfasst: 17. Jan 2017, 03:39
von Joachim F.
Seit Jahresende habe ich hier mitgelesen und mich nun entschlossen, auch einen Kommentar zur Neuverfilmung abzugeben.
In den alten Winnetou-Filmen haben Lex Barker und Pierre Brice einen überzeugenden Old Shatterhand und Winnetou gespielt. Aber es wurde Zeit für eine Neuauflage. Seit den Anfängen des Films haben 20 verschiedene Darsteller Chingachgook verkörpert, aber in der ganzen Filmgeschichte mit Pierre Brice nur ein einziger Winnetou. Eine Neuverfilmung war daher längst überfällig. Dennoch weiß ich immer noch nicht, was ich von den Filmen halten soll.
Die Darsteller haben mir im Großen und Ganzen gut gefallen. Möhring hat May/OS mehr Tiefe gegeben als damals Barker. Man hat eine richtige Entwicklung gesehen. Anfangs den optimistischen Einwanderer, der in Amerika an eine bessere und gerechtere Welt und an den technischen Fortschritt glaubt. Und am Ende einen OS, dessen Weltbild sich radikal verändert hat und der bei den naturverbundenen Indianern sein Glück gefunden hat. Das war teilweise packend und emotional erzählt. Allerdings war es weniger Winnetou als „Dances with Wolves“.
Und damit bin ich beim größten Kritikpunkt. Wenn May draufsteht, muss May auch drin sein. Die alten Verfilmungen hatten bei allen Freiheiten wenigstens einen glaubhaften Winnetou und Shatterhand zu bieten. Bei Regisseur Stölzl sind die Charaktere aber nur noch an den Namen zu erkennen, was selbst bis in die Nebenrollen gilt. Selbst die Pferde waren nicht mehr zu erkennen.
Heute soll alles realistisch sein. Allerdings betrieben die Indianer im 19. Jh. weder Bodybuilding noch führte ein Häuptling seine dürftige Kriegsschar lauthals mitten auf die Mainstreet, wo sie von jedem Fenster aus eine gute Zielscheibe abgeben. So verhielten sich weder Indianer und schon gar nicht W. Und OS heißt nun also Karl May. Da können Bond-Fans froh sein, dass sich Ian Fleming nie als Bond ausgegeben hat. Von dem omnipotenten Westmann ist jedenfalls nichts geblieben. Immerhin durfte OS, dem SV Saxonia zum Dank, das ein oder andere Mal seinen berüchtigten Fausthieb ansetzen. Natürlich kann man mit jeder Neubesetzung den Charakter neuinterpretieren. Das geschieht in der Bond-Reihe mit jedem neuen Bonddarsteller. Aber Bond bleibt immer Bond, der beste Geheimagent seiner Majestät. Selbst wenn sich Bondfans schon aufregen, wenn Bond seinen Martini nicht mehr geschüttelt trinkt. Wenn Bond aber seine heldentypische Überlegenheit verliert und nur noch wie ein realer Geheimdienstler wirkt, ist er vielleicht George Smiley aber nicht Bond.
Wenn man es wie Stölzl schon realistisch haben will, so sollten die Indianer auch authentisch sein. Dabei verstehe ich allerdings nicht, warum man sich nicht von einem Indianer aus dem entsprechenden Kulturkreis hat beraten lassen sondern von einem Yanton-Sioux. Entsprechend sahen die Mescaleros wie die Sioux in „Dances with Wolves“ aus. So wie wenn Hollywood Spyris Heidi verfilmt und sich für die Schweizer Bergwelt von einem Schotten beraten lässt, so dass am Ende der Alm-Öhi im Kilt herumläuft.
Ich hätte mir auch in Sachen des Settings mehr Authentizität gewünscht. Winnetou tatsächlich vor den Naturkulissen des amerikanischen Südwestens, das wäre interessant gewesen. Stattdessen wieder die Kalkberge vom letzten Mal. Nur die Kaktus-Attrappen haben sie diesmal vergessen, in die Gegend zu stellen. Und RTL brüstet sich bei alldem noch, an den „Originalschauplätzen“ gedreht zu haben.
Mein Fazit: Die Neuverfilmungen sind keine Karl-May-Filme und durften deshalb auch zu Recht keine Original May-Titel tragen. Wenn ich allerdings May ausblende, habe ich mit Teil 1 und Teil 3 unterhaltende Indianerfilme gesehen. Die Freundschaft zwischen OS und W war für mich sogar spürbarer wie in den alten Verfilmungen. Aber dem hätte alles keinen Abbruch getan, wenn die Charaktere und die Handlung näher an May gewesen wären. Das Publikum will auch heute noch Filmhelden sehen, was Batman, Superman und Bond beweisen. Und das ist in Deutschland in Bezug auf Winnetou und Old Shatterhand nicht anders.
Re: Winnetou-Neuverfilmung 2016: Kritik zum Film
Verfasst: 17. Jan 2017, 03:59
von Joachim F.
Bastian hat geschrieben: Kennt jemand alle verschiedene Versionen von Sherlock Holmes die im Laufe der Jahre erschienen sind? Hier wurde auch viel geändert und trotzdem hat vieles seinen Reiz und sorgt dafür, dass die Figur und ihr Autor bis heute allgemein bekannt sind. In „Sherlock“ ermittelt ein moderner Sherlock Holmes in der heutigen Zeit. In der US-Serie „Elementary“ ebenfalls, nun nicht mehr in London sondern in New York und die größte Änderung hier ist Joan Watson. Aus dem langjährigen Partner und Freund John Watson wurde eine Frau und trotzdem ist die Serie sehr gelungen.
Aber Holmes bleibt in diesen Neuinterpretationen immer noch Holmes, der clevere, alles durchschauende Detektiv.
Neuinterpretationen gehen nur bis zu einem gewissen Punkt, darüber hinaus entsteht ein neuer Charakter.
Man muss bei Sherlock Holmes auch sehen, dass dieser seit den Anfängen des Stummfilms unzählige Male verfilmt worden ist. Allein der „Der Hund von Baskerville“ wurde 20 (!) Mal verfilmt. Es gibt daher von Holmes originalgetreue Verfilmungen noch und noch. Wenn man alles schon hundertmal gezeigt hat, ist doch klar, dass man dann irgendwann stark vom Original abweicht, weil sonst der Wiederholungseffekt zu stark wird. Aber welche Winnetou-Erzählungen hat man denn schon originalgetreu vefilmt gesehen? Bestenfalls Der Schatz im Silbersee (1962) und Winnetou 1 (1963). Das war’s auch schon. Es besteht also kein Anlass, Shatterhand und Winnetou in frei erfundenen Handlungen neu zu erfinden.
Wenn man z.B. den letzten Mohikaner, wie 1992 gesehen, authentisch und nah am Buch verfilmen kann, dann sollte das mit Winnetou eigentlich auch kein Problem sein.
Was Stölzl dagegen macht, ist so wie wenn Lederstrumpf Chingachgooks Schwester heiratet, Häuptling der Mohikaner wird, für einen Trapper zu tölpelhaft Farmer wird und vielleicht demnächst noch eine Herrenboutique in Wuppertal eröffnet.